Duderstedt auf Kultour

Andreas Duderstedt
Since 08/2022 22 Episoden
Über 16 Jahre war er Pressesprecher der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW): Andreas Duderstedt

Vor 300 Jahren, am 22. April 1724, wurde Immanuel Kant geboren

Die Ideen des großen Philosophen der Aufklärung prägen die Welt bis heute.

15.07.2024 32 min

Das klingt nach Utopie: „Zum ewigen Frieden“. Als Immanuel Kant 1795 unter diesem Titel seinen „philosophischen Entwurf“ veröffentlichte, war er längst ein berühmter Mann. Sein Hauptwerk war erschienen und hatte das philosophische Denken, weit über Deutschland hinaus, revolutioniert. Nun also, mit 71 Jahren, griff er nochmals zur Feder und bot seinem Verleger ein Werk an, das ihm bald den Vorwurf der Träumerei einbrachte, doch gleichwohl ein durchschlagender Erfolg wurde. 
Wer auch nur die kurze Vorbemerkung liest, erfährt: Es geht hier nicht um einen utopischen Friedenstraum. Die Überschrift ist satirisch, erklärt der Autor. Er hat sich dazu von einem Wirtshausschild anregen lassen, worauf ein Kirchhof gemalt war. Ewiger Friede käme demnach erst nach dem Tod. 
Kant, der sein Leben bisher eher abstrakten Ideen und Prinzipien gewidmet hat, wird nun höchst konkret. Er entwickelt die Grundlagen für einen wirklichen, dauerhaften Frieden zwischen den Staaten. Dazu muss sich die Politik der Idee des Rechts unterordnen: Das Recht der Menschen muß heilig gehalten werden, der herrschenden Gewalt mag es noch so große Aufopferung kosten.
Am 5. April 1795 hatte Preußen mit dem revolutionären Frankreich einen Sonderfrieden geschlossen und war damit aus dem Kreis der europäischen Staaten ausgeschieden, die Frankreich nach dem Sturz der Monarchie bekämpften. Der preußische Untertan Kant nutzte die Gunst der historischen Stunde und proklamierte als Voraussetzung für eine Friedensordnung: Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein.
Ein solcher Staat ist für Kant eine Gesellschaft von Menschen, über die niemand anders, als er selbst, zu gebieten habe. Der Staat ist also kein Instrument der Herrschaft, sondern dient der gesellschaftlichen Selbstbestimmung: eine zur Zeit des Absolutismus erstaunlich moderne Auffassung.
Grundvoraussetzung für dauerhaften Frieden ist: Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden: Ein bedingter Friede trägt den Keim neuer Feindseligkeiten in sich. Ebenso darf die Souveränität eines Staates – klein oder groß, das gilt hier gleichviel – nicht zerstört werden. Konkurrierende militärische Hochrüstung ist verboten, denn sie bedroht andere Staaten unaufhörlich mit Krieg durch die Bereitschaft, immer dazu gerüstet zu erscheinen und reizen diese an, sich einander in der Menge der Gerüsteten, die keine Grenzen kennt, zu übertreffen. Ein weiteres Friedenshindernis sind gewaltsame Interventionen: Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staats gewalttätig einmischen. Und schließlich gelten auch im Krieg Regeln: Verboten ist alles, was das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen muss, etwa politischer Terrorismus oder Kapitulationsbruch. Hier deutet sich bereits der Grundgedanke der Genfer Konvention an.
Kant entwickelt sein rechtsphilosophisches Friedensmodell auf drei Ebenen: Staatsrecht, Völkerrecht und Weltbürgerrecht. Die republikanische Verfassung mit Gewaltenteilung ist die staatsrechtliche Voraussetzung. Als völkerrechtliche Grundlage sieht er einen Bund von souveränen Staaten: Das Völkerrecht soll auf einem F ö d e r a l i s m freier Staaten gegründet sein. Dazu führt er den Begriff „Völkerbund“ ein. Auf globaler Ebene schließlich soll ein wechselseitiges „Besuchsrecht“ für alle Menschen gelten, die endlich sich doch nebeneinander dulden müssen, ursprünglich aber niemand an einem Orte der Erde zu sein mehr Recht hat, als der andere. Dazu passt als weitere Voraussetzung ein striktes Verbot von Ausbeutung und Kolonialismus. Denn eine Rechtsverletzung irgendwo auf der Erde wird an allen gefühlt, sagt Kant: so ist die Idee eines Weltbürgerrechts keine phantastische und überspannte Vorstellungsart des Rechts, sondern eine notwendige Ergänzung des ungeschriebenen Kodex sowohl des Staats- als Völkerrechts zum öffentlichen Menschenrechte überhaupt und so zum ewigen Frieden. 
Die kleine Schrift hat die Form eines Friedensvertrags. Mit diesem Kunstgriff, „durch das ironische Moment der Imitation“, widerspreche Kant der Meinung, er werde nun zum Praktiker der Politik, erklärte dazu der bedeutende Kantforscher Rudolf Malter (1937-1994).
Immanuel Kant lebte in kriegerischen Zeiten. Er machte sich keine Illusionen über den „ewigen Frieden“. Dennoch wurde sein Versuch, „konkrete politische Überlegungen mit einer systematischen rechtsphilosophischen Reflexion zu verbinden“ (Rudolf Malter), eines der einflussreichsten philosophischen Werke überhaupt. Als der US-amerikanische Präsident Woodrow Wilson im Januar 1918 sein 14-Punkte-Programm für eine Friedensordnung nach dem Ersten Weltkrieg vorlegte, war er von Kant inspiriert. Der Friedensvertrag von Versailles dagegen trug den Stoff zu einem künftigen Kriege in sich und ist ein historisches Gegenbeispiel. Der 1920 gegründete Völkerbund führte immerhin zu einer – vorübergehenden – Annäherung der Erbfeinde Frankreich und Deutschland. 1946 ging aus dem Völkerbund die UNO hervor. Auch deren Charta ist von Kant beeinflusst: das Selbstbestimmungsrecht der Staaten, die Nichteinmischung, die souveräne Gleichheit der Nationen und das allgemeine Gewaltverbot sind von ihm vorgedacht. Ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg wie Hitlers Überfall auf Polen (1939) war ein krasser Widerspruch zu Kants Rechtsphilosophie – mit verheerenden Folgen.
Kant glaubte, dass der im Menschen angelegte wechselseitige Eigennutz, der zum Handelsgeist führt, den Krieg zumindest erschweren würde: Staaten, die miteinander Handel treiben, bekämpfen sich nicht militärisch. Diese optimistische Grundannahme hält der Realität nicht stand: Wirtschaftskriege gibt es schon lange. Doch die deutsche Politik baute noch 2014, nach der Besetzung der Krim und des Donbas, darauf, dass die wirtschaftlichen Verflechtungen mit Russland ein Stabilitätsfaktor seien. Nach Putins Angriff auf die gesamte Ukraine 2022 erwies sich diese Hoffnung endgültig als trügerisch. Zugleich wurde beklemmend deutlich, dass der Zustand des Kalten Krieges kein Friede im Sinne des Königsberger Philosophen gewesen war.
 
Wahrheit, Lüge und Vernunft
Immanuel Kants Ethik in Zeiten von Fake News und Verschwörungsfantasien
 
Gelogen wurde schon immer. Lange bevor Begriffe wie „Fake News“ oder „alternative Fakten“ in den deutschen Sprachgebrauch eingegangen sind, gab es Lügen, Halbwahrheiten, Fälschungen. Lug und Trug wurden immer wieder als scheinbar probates Mittel der Herrschaftstechnik eingesetzt. 
Immanuel Kant hielt die Behauptung falscher Tatsachen in jeder Hinsicht für verkehrt: aus Gründen der Vernunft. Seine Ethik beruht ebenso auf Vernunft wie ein Satz der Mathematik oder eine chemische Formel.
Jeder Mensch muss täglich Entscheidungen treffen, oft von großer Tragweite. Da jeder Mensch ein vernunftbegabtes Wesen ist, soll er ausschließlich Entscheidungen treffen, die man jedem anderen vernünftigen Wesen ebenso zubilligen kann. Denn: „Nur ein vernünftiges Wesen hat das Vermögen, nach der Vorstellung der Gesetze, d. i. nach Principien, zu handeln, oder einen Willen“, sagt Kant: „Da zur Ableitung der Handlungen von den Gesetzen Vernunft erfodert wird, so ist der Wille nichts anders, als practische Vernunft.“ 
Vernünftige Begründungen für das Handeln sind dabei niemals nur im Einzelfall gültig. „Aus sich eine Ausnahme zu machen, sich selbst etwas herauszunehmen, das dabei notwendig voraussetzt, dass andere dasselbe nicht tun: Das ist Kants Ethik zufolge so etwas wie der Kern der Unmoral“, sagt der Philosoph Tim Henning von der Universität Mainz.
Moralische Entscheidungen orientieren sich also an dem, was für alle gilt: Wer zu einer Gemeinschaft von vernünftigen Wesen gehört, trifft nur solche Entscheidungen, die jedes Mitglied dieser Gemeinschaft ebenso treffen könnte. Tim Henning: „Jedes Glied dieser Gemeinschaft gestaltet jede seiner Entscheidungen so, dass er sie auch um der gleichen Freiheiten der anderen willen bejahen kann.“ Denn wenn es um die Freiheiten aller geht, bin ich eingeschlossen. Dies ist der Grund für moralische Regeln, zum Beispiel: nichts Falsches versprechen, nicht lügen, nicht betrügen.
Solche Moral bestimmt über uns – und das bedeutet für Kant nichts anderes als: Wir bestimmen selbst über uns. Wir brauchen keine weitere externe verbindliche Quelle, die erklärt, warum und wie die Moral über uns bestimmen darf. Kant sagt: „Und was ist es denn nun, was die sittlich gute Gesinnung oder die Moral berechtigt, so hohe Ansprüche zu machen? Es ist nichts geringeres als der Antheil, den sie dem vernünftigen Wesen an der allgemeinen Gesetzgebung verschafft.“ Die gleichen Freiheiten also aller vernünftigen Wesen sind der entscheidende Maßstab für eine Handlung.
Damit sind die Voraussetzungen für Kants berühmten kategorischen Imperativ gegeben, den er mehrfach formulierte. Die wohl genaueste Fassung lautet: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Es ist hier also „die wechselseitige Anerkennung unserer gleichen Ansprüche auf Freiheit artikuliert.“ (Tim Henning)
Das Prinzip, auf dem das aufbaut, ist sehr alt. Es findet sich bereits in der sogenannten Goldenen Regel, die von Jesus in der Bergpredigt überliefert ist: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihr ihnen auch!“ (Matthäus 7,12). Dieser Grundsatz kommt im Judentum, in vielen anderen Religionen und sprichwörtlich in negativer Fassung vor: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“
Nicht lügen – in diesem Punkt war der alte Kant besonders streng. Mit 73 Jahren veröffentlichte er den Aufsatz „Über ein vermeintliches Recht aus Menschenliebe zu lügen“ (1797). Jede Aufweichung des Lügenverbots führt demnach zwingend dazu, „dass Aussagen überhaupt keinen Glauben finden“. Wer lügt, macht sich unglaubwürdig und wird diesen Makel so schnell nicht mehr los. Und: Wer lügt, „missbraucht das ihm entgegengebrachte Vertrauen und verhält sich zur sozialen Norm parasitär“, sagt Geert Keil, Professor für Philosophische Anthropologie in Berlin.
Aber auch eine Notlüge „aus Menschenliebe“ ist für Kant nicht zulässig. Selbst in einem extremen Fall hält er mit bedingungslosem Rigorismus an der Regel fest: „Die Lüge gegen einen Mörder, der uns fragt, ob unser von ihm verfolgter Freund sich nicht in unser Haus geflüchtet, [wäre] ein Verbrechen“. Also nicht einmal um das Leben eines Unschuldigen zu retten, ist eine Unwahrheit erlaubt. Diese Position wurde mit Recht als „abstoßend“ und „moralisch haarsträubend“ bezeichnet. Eine Möglichkeit, mit der Wahrheit in extremen Situationen umzugehen, schlägt der Kant-Forscher Marcus Willaschek (Frankfurt) vor: „Ich will nicht lügen, es sei denn, die Lüge ist das einzige Mittel, um ein großes Unrecht zu verhindern, und verletzt keine berechtigten Interessen anderer.“
Wer aber die Lüge zum Herrschaftsprinzip macht, erhebt sich über die Menschen, die sich ihres eigenen Verstandes nicht bedienen. Kants „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ (1784) beginnt mit der bekannten Definition: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Er findet deutliche Worte: Die Vormünder, die die Oberaufsicht über diejenigen „gütigst übernommen haben“, die aus Faulheit und Feigheit gerne unmündig bleiben und „das verdrießliche Geschäft“ des Denkens anderen überlassen, haben „ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht“, um es dann am Gängelband zu führen. „Es ist so bequem, unmündig zu sein.“
Das trifft heute zum Beispiel in den USA auf die Anhänger von Trump zu, deren Gefolgschaft nur mit Realitätsverweigerung zu erklären ist. Anders liegt der Fall bei Putin: Nur durch Gewalt und Terror gegen die eigene Bevölkerung kann er seine auf Lügen gebaute Herrschaft aufrechterhalten. Sogar vor Immanuel Kant macht das Zurechtbiegen der Wahrheit nicht halt: Der größte Sohn Königsbergs, heute Kaliningrad, wird zum 300. Geburtstag ohne Rücksicht auf die Fakten vereinnahmt, gar als Landsmann bezeichnet, denn die Stadt war ab 1758 fünf Jahre russisch besetzt. Der Vordenker des Völkerrechts, der die gewalttätige Einmischung eines Staates in Verfassung und Regierung eines anderen Staates klar verurteilte, wird schamlos instrumentalisiert – von dem Diktator, der einen völkerrechtswidrigen Krieg angezettelt hat. Russland, so heißt es in einer Presseerklärung des Wissenschaftsministeriums, bleibe Kant, anders als viele westliche Länder, als „Verteidiger echter Zivilisationswerte“ treu.
 
Kant, die Weißen und die Wilden
Wie konnte sich der Philosoph der Aufklärung zu rassistischen Urteilen versteigen? Versuch einer Erklärung
 
„Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen.“ Wie passt dieser Satz zu den universalen Menschenrechten, zur Freiheit und Gleichheit aller, zu der aufklärerischen Überzeugung, Menschen dürften nicht wie Gegenstände instrumentalisiert werden? Und doch: Immanuel Kant sah nicht nur die „weiße Rasse“ als die vollkommenste an. Er klassifizierte auch zum Beispiel Inder als weniger talentiert, weit tiefer noch stünden Menschen mit schwarzer Hautfarbe, „und am tiefsten steht ein Theil der amerikanischen Völkerschaften“. In seinen Vorlesungen zur Anthropologie (1790-1792) beschrieb er die „kupferfarbenen Wilden in Amerika“ als „ohne Leidenschaften und Affekte, kultur- und lieblos, faul und wortkarg“. Ihre Freiheit sei „nicht zivilisiert, sondern tierisch“. Die „Rasse der Neger“ sah er als „lebhaft, schwatzhaft und leidenschaftlich“, aber arbeitsscheu und „ohne eigenen Bildungstrieb“. 
Diese Aussagen beruhen auf Mitschriften nach Vorlesungen des Königsberger Professors, die später von anderen herausgegeben wurden. Lassen sie sich damit erklären oder entschuldigen, dass er ein Kind seiner Zeit war? Oder verbirgt sich hinter dem strahlenden Licht der Aufklärung ein tiefsitzender Rassismus? Ist Kants Philosophie der Vernunft mit ihrer Betonung des selbständigen Denkens und der zutiefst humanen kosmopolitischen Friedenshoffnung nur eine Maske der Menschenverachtung eines überheblichen Europäers?
Diese Vorwürfe postkolonialer Denker kamen in den 1990er-Jahren auf. Kant und andere Aufklärer wurden für die kolonialistischen und imperialistischen Machtsysteme verantwortlich gemacht, mit denen die europäischen Nationen die Völker in anderen Teilen der Welt grausam unterdrückten. „Man solle Kant vergessen, diesen Rassisten, der mit doppelter Zunge sprach!“ So beschreibt treffend Manfred Geier, Kant-Biograf und Publizist, die Forderung, in der solche Anklagen gipfeln.
Doch ist die Frage „War Kant ein Rassist?“, die im Jubiläumsjahr oft gestellt wird, überhaupt sinnvoll? Nein, findet Andrea Marlen Esser, Professorin für Philosophie in Jena. Die Beschäftigung damit dürfe sich nicht allein auf Personen konzentrieren, denn Rassismus sei keine Entgleisung von Individuen, sondern eine gesellschaftlich tief verankerte Ideologie. Die Frage könne zum Gefühl moralischer Überlegenheit verleiten. „Doch indem wir das Phänomen des Rassismus individualisieren, historisieren wir es zugleich“, so Esser: „Rassismus erscheint dann bloß als ein Problem historischer Personen und wird auf diese Weise von uns distanziert.“
Zu Kants Zeit wurde die Frage nach den „Menschenrassen“ durchaus kontrovers diskutiert. Berichte von Forschungs- und Entdeckungsreisen rund um die Welt stießen auf großes Interesse beim europäischen Lesepublikum. Der schwedische Naturforscher Carl von Linné entwickelte nicht nur eine Ordnung der Pflanzen und Tiere, sondern unternahm auch den ersten Versuch, Menschen systematisch in Rassen einzuteilen. Kants Einteilung, erstmals dargelegt 1775 in der Vorlesung „Von den verschiedenen Racen der Menschen“, war zunächst von dem Interesse geleitet, eine Gesetzmäßigkeit zu erkennen hinter der Vererbung äußerer Merkmale wie Haut- und Augenfarbe. Er wollte eine wissenschaftliche Definition des Begriffes „Rasse“ entwickeln, gegründet auf biologische Kriterien. 
Einer der Forscher, die ihre Positionen auf eigene Anschauung bauen konnten, war Georg Forster, der 1772 bis 1775 mit Captain James Cook um die Welt gesegelt war. Er widersprach dem sesshaften Königsberger Professor, der alles schon im Voraus wisse und die Natur nach seinen Vorstellungen „modeln“ wolle. Forster dagegen war überzeugt: „die Ordnung der Natur folgt unseren Eintheilungen nicht, und sobald man ihr dieselben aufdrängen will, verfällt man in Ungereimtheiten.“ Er sprach lieber von mannigfachen „Varietäten“ der Menschheit statt von „Rassen“. Und weil er in den Schwarzen „Brüder“ sah, klagte er die Sklaverei bitter an.
Damit war er nicht allein: Besonders der Handel mit schwarzen Menschen stieß unter den Aufklärern auf wachsenden Widerstand. Die 1787 in London gegründete Society for Effecting the Abolition of the Slave Trade und die ein Jahr später entstandene französische Société des Amis des Noirs (Gesellschaft der Freunde der Schwarzen) kämpften für die Abschaffung des Sklavenhandels. Sie gewannen auch in Deutschland Einfluss. Auch Kant, der bis dahin die Rassenhierarchie verteidigt hatte, verurteilte in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1795) Kolonialismus und Ausbeutung. 
Gayatri C. Spivak hält nichts davon, Kant einfach als Rassisten abzustempeln. Die Professorin für Literaturwissenschaft an der Columbia University in New York gilt als eine maßgebliche Vertreterin der postkolonialen Theorie. In ihrem Buch „Kritik der postkolonialen Vernunft“ (2013) hat sie Kant dafür kritisiert, dass er die „Wilden“ nicht als Menschen betrachtet, weil diese nicht die Eigenschaften eines voll entwickelten Menschen hätten. „Kant ist so viel klüger als wir und doch wurde er durch den Kapitalismus und den Kolonialismus verdorben.“ Zugleich verweist sie aber auch auf außereuropäischen Rassismus, etwa bei den Hindus. Es reicht ihrer Meinung nach nicht aus, „lediglich mit dem Finger auf den Kolonialismus zu zeigen und zu sagen, wir sind gut und die anderen sind böse“. Korruption und Machtspiele habe es schon immer gegeben. „Wenn wir den Kolonialismus nur rassifizieren, vergessen wir unsere eigenen Rassismen.“ Stattdessen plädiert Spivak dafür, von Kant zu lernen, um sich seinen Universalismus wieder nutzbar zu machen. Denn dieser, also die Idee von der universalen Geltung menschenrechtlicher und anderer Standards, sei notwendig, „um Konzepte wie Demokratie oder Ethik überhaupt denken zu können.“
Doch die Frage bleibt: Wie konnte sich Immanuel Kant dazu versteigen, die Überlegenheit der Weißen so grobschlächtig zu behaupten? Einerseits sind seine rassistischen Aussagen in den anthropologischen Vorlesungen unautorisierte Mitschriften. Andererseits: „Seine Vernunftphilosophie kannte keine Rassen, sondern nur das menschliche Subjekt in universalistischer Perspektive“, gibt Manfred Geier zu bedenken. Kant war nicht unfehlbar. Will man sein Werk fruchtbar machen, ist der eigene Verstand zwingend notwendig.
 
Vernunft als Religion – Religion aus Vernunft
Ein gütiger Schöpfergott sorgt dafür, dass sich die Moral am Ende durchsetzt, glaubte Immanuel Kant
 
Fromm war er nicht. Obwohl aus einem pietistischen Elternhaus stammend, glaubte er nicht an einen persönlichen Gott. Eine Praxis Pietatis mit regelmäßigem Gebet war ihm fremd, in die Kirche ging er selten.
Dennoch war Immanuel Kant kein Gegner der Religion und des christlichen Glaubens. Nicht nur in seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793/94) legte er dar, dass und warum die Welt letzten Endes als vernünftige Ordnung gedacht werden soll, in der das Gute herrscht, also ein vollständig moralischer Zustand erreicht ist: Nur Gott kann für diese vernünftige Ordnung sorgen. Wer die Existenz Gottes und der unsterblichen Seele für wahr hält, widerspricht also nicht der Vernunft, im Gegenteil. Zwar lässt sich Gott nicht beweisen, aber die Vernunft spricht dafür, dass es einen gütigen Schöpfer gibt. Denn nur deshalb, so der Kant-Biograf Marcus Willaschek, „dürfen wir hoffen, dass unsere moralisch notwendigen Bemühungen um verdientes Glück, Gerechtigkeit und Frieden erfolgreich sein werden“. Religion hilft also, die „Heiligkeit“ und „absolute Verbindlichkeit der Moral“ zu denken.
Warum aber ist dann das Böse in der Welt? Warum gibt es Hass, Unrecht und Gewalt? Anders gefragt: Warum handeln die Menschen unmoralisch? Kant hält fest: „Der Satz: der Mensch ist böse, kann […] nichts anders sagen wollen als: er ist sich des moralischen Gesetzes bewußt und hat doch die (gelegenheitliche) Abweichung von demselben in seine Maxime aufgenommen.“ Woher dieses Prinzip des Bösen kommt, kann auch er nicht erklären. Klar ist für den Philosophen, dass der Mensch oft unmoralisch handelt – wider besseres Wissen. Hier stimmt er mit Paulus überein, der sagt: „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Römer 7,19).
Der Apostel ist überzeugt: Es ist „die Sünde, die in mir wohnt“, die das Böse vollbringt. Nur der Geist Gottes, der in Jesus Christus lebendig macht, kann das Gesetz der Sünde und des Todes überwinden. Für Kant dagegen ist Christus – er nennt ihn „Gottmensch“ – der sinnliche Ausdruck einer rationalen Idee: ein Sinnbild, wie die Menschheit eigentlich sein könnte, wenn sie sich vernünftig verhalten würde: nämlich moralisch vollkommen. Christus ist also „das in unserer Vernunft liegende Urbild […], eigentlich das Objekt des seligmachenden Glaubens, und ein solcher Glaube ist einerlei mit dem Prinzip eines Gott wohlgefälligen Lebenswandels“.
Es ist das Ziel der Geschichte, dass die Menschheit diesen vollkommen moralischen Zustand erreicht. Der „Kirchenglaube“ muss dazu nach und nach in den „reinen Religionsglauben“ übergehen. Unter dem Kirchenglauben versteht Kant eine Religion, die nicht auf reiner Vernunft fußt, sondern sich auf andere Autoritäten wie Gott oder die Bibel beruft. Weil es sich hier um „Statuten“ handelt, nämlich „für göttlich gehaltene Verordnungen, […] die für unsere moralische Beurtheilung willkürlich und zufällig sind“, nennt Kant diesen Glauben „statutarisch“. Ihm erteilt er eine vernichtende Absage: „Diesen statutarischen Glauben […] für wesentlich zum Dienste Gottes überhaupt zu halten und ihn zur obersten Bedingung des göttlichen Wohlgefallens am Menschen zu machen, ist ein Religionswahn, dessen Befolgung ein Afterdienst, d. i. eine solche vermeintliche Verehrung Gottes ist, wodurch dem wahren, von ihm selbst geforderten Dienste gerade entgegen gehandelt wird.“ Offenbarung, Gebete, Dogmen, Liturgie, kurz: „alles, was, außer dem guten Lebenswandel, der Mensch noch tun zu können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden“, lehnt der Königsberger Philosoph strikt ab.
Das bringt ihn in Konflikt mit dem bigotten preußischen König Friedrich Wilhelm II. Der Philosoph habe Grundlehren der Bibel und des Glaubens entstellt und missbraucht, lässt der Monarch seinem Untertan mitteilen, und befiehlt ihm, nichts dergleichen mehr zu äußern – „widrigenfalls Ihr Euch bei fortgesetzter Renitenz unfehlbar unangenehmer Verfügungen zu gewärtigen habt“. Kant antwortet in allem Respekt, er habe das Christentum keineswegs herabgewürdigt. Öffentlicher Äußerungen zu diesem Thema werde er sich künftig enthalten. Er hat ja bereits alles gesagt, was er dazu zu sagen hat.
Sein Vernunftglaube beruht letztlich auf dem kategorischen Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Das Prinzip dahinter drückt schon die Goldenen Regel Jesu in der Bergpredigt aus: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihr ihnen auch!“ (Matthäus 7,12). Kants Denken stimmt damit überein, dass der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen ist. Er hat eine unveräußerliche Würde und soll entsprechend handeln. 
Wenn das alle tun würden, wäre es besser um die Welt bestellt. Aber die Geschichte der Menschheit sieht anders aus. Schon in den Psalmen der Bibel wird immer wieder die Klage laut, dass es den Bösen, den Frevlern, den gewissenlosen Egoisten so gut geht, während die Gerechten leiden. Beispiel: „Denn für sie gibt es keine Qualen, gesund und feist ist ihr Leib. Sie sind nicht in Mühsal wie sonst die Leute und werden nicht wie andere Menschen geplagt.“ (Psalm 73, 4-5).
Eine unerklärliche Naturkatastrophe wie das Erdbeben von Lissabon 1755, bei dem bis zu 100.000 Menschen starben, machte nicht nur Kant, sondern auch seine Zeitgenossen ratlos. Es geschah am Allerheiligentag, zahlreiche Kirchen, in denen die Gläubigen beteten, wurden zerstört, Bordelle und Spelunken blieben verschont. Während nach dieser Katastrophe viele vom Glauben an einen gütigen Gott abfielen, erklärten andere, auch dieses schreckliche Ereignis müsse einen Sinn haben, auch in diesem Bösen verberge sich etwas Gutes.
Güte, Tugend einerseits und Glück, Wohlergehen andererseits sind oft in einem empörenden Ungleichgewicht. Die Philosophin Susan Neiman, Direktorin des Einstein Forums in Potsdam, erklärt: Das „Ringen damit, wie man eine Welt ertragen kann, in der Tugend und Glück auseinanderfallen, war ein zentrales Thema für Kant“.
  

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