Über 16 Jahre war er Pressesprecher der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW): Andreas Duderstedt
Die Welt ist seltsam, grausam, komisch – und schön Pieter Bruegel der Ältere hinterließ ein kleines Œvre von großer Vielfalt
Pieter Bruegel der Ältere war wohl der bedeutendste Maler der Niederländischen Renaissance
15.05.2026 7 min
Viele kennen ihn als „Bauern-Bruegel“. Dabei gibt es nur wenige Bilder von ihm, die ausschließlich Bauern zeigen. Pieter Bruegel der Ältere war wohl der bedeutendste Maler der Niederländischen Renaissance. Vor rund 500 Jahren ist er geboren.
Über sein Leben ist wenig bekannt. Zwischen 1525 und 1530 kam er in Flandern zur Welt. 1551 trat er der Antwerpener Malergilde bei, reiste 1552 nach Italien. Nach seiner Heirat 1563 zog er von Antwerpen nach Brüssel um, wo er am 9. September 1569 starb.
Nur 20 Jahre währte die Zeit seines Schaffens. Etwa 40 Gemälde sind erhalten, dazu Zeichnungen und Stiche. Das kleine Œvre ist von großer Vielfalt und gibt mancherlei Rätsel auf, es „stellt einen praktisch jedes dieser Werke vor komplett neue Forschungsfragen“, so die Kunsthistorikerin Daniela Hammer-Tugendhat.
Immerhin ist die lange Tradition endgültig passé, Pieter Bruegel als „dumpfen Bauern“ zu sehen, der nur Bauern malt. Zu seiner Zeit galt die Landbevölkerung aus Sicht der Städter als primitiv, triebhaft und roh. Der Städter Bruegel hat sie mit genauem Blick dargestellt. Tanzende Bauern bei einer Kirmes oder bei einer Hochzeit bewegen sich anmutig. Oder der Hochzeitsschmaus: Hier klingt die Ikonografie einer oft dargestellten Szene aus der Bibel an, der Hochzeit zu Kana (Johannesevangelium, 2. Kapitel). Es ist eine monumentale Komposition, mit der Bruegel seinem Thema die Würde einer biblischen Geschichte verleiht.
Und fast immer gibt es eine Fülle von Details zu entdecken. Das gilt besonders für Wimmelbilder wie die „Kinderspiele“. Hier sieht der staunende Betrachter über 200 Kinder oder Jugendliche, die das Bild bevölkern und insgesamt 90 verschiedene Spiele zeigen. Es ist ein enzyklopädischer Blick auf die Welt, der solche Vielfalt erfasst. Und erstmals auch ein neuer Blick auf Kinder, auf die Kindheit und die Bedeutung des Spiels.
Bruegel führt die Welt vor Augen, wie sie ist: seltsam, absurd, grausam und zugleich komisch. Aber auch von überwältigender Schönheit: Seine Landschaften, die Natur in den verschiedenen Jahreszeiten – das ist grandios und stimmungsvoll gemalt. Im Sommer spürt man die Hitze, im Winter die Kälte.
Einige biblische Szenen hat Pieter Bruegel aufgegriffen, doch sie sind ganz anders als bis dahin üblich. Um die Könige zu entdecken, die das neugeborene Jesuskind anbeten, muss der Betrachter lange suchen. Ebenso Maria und Josef, undeutlich und ganz links, schon fast außerhalb des Bildes. Es ist ein flämisches Dorf bei Schneetreiben, in dem kaum jemand Notiz nimmt von der Geburt des Heilands.
„Sie sind blinde Blindenführer. Wenn aber ein Blinder den anderen führt, so fallen sie beide in die Grube“, sagt Jesus über die religiösen Autoritäten seiner Zeit. Bruegel malte sechs blinde Bettler, die sich aneinander festhalten und vom Weg abkommen. Der Erste ist schon in den Graben gefallen, der Zweite wird ihm gleich folgen, die anderen bewegen sind unaufhaltsam ebenfalls auf den Sturz zu. Die abschüssige Bewegung der Gruppe gibt dem Bild eine unerbittliche Dynamik.
Bruegel lebte in der Reformationszeit. Damals warfen sich Katholiken und Protestanten das Gleichnis gegenseitig an den Kopf. Luther nannte den Papst einen blinden Führer, von katholischer Seite kam der Vorwurf umgekehrt. Bruegel überlässt dem Betrachter das Urteil, wer der blinde Verführer ist.
Die festgefügte mittelalterliche Welt mit ihrer Stände- und Zunftordnung brach auseinander. In der Handelsstadt Antwerpen, die einen kometenhaften Aufstieg zum Finanzzentrum Europas erfuhr, erlebte der Maler den Beginn des Handelskapitalismus. Er stellte den „Kampf der Geldkisten und Sparbüchsen“ dar, die totale gegenseitige Vernichtung, den Kampf aller gegen alle aus Geldgier. Diese Gier ist nicht individuell, sondern strukturell: Menschen mutieren zum Objekt ihrer eigenen Selbstsucht.
Obwohl diese Menschen zu großartigen Leistungen fähig sind, folgen sie unsinnigen Zielen. Wie kein anderes Werk zeigt das der „Turmbau zu Babel“. Nach der Bibel wollten die Menschen aus Hochmut einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht. Das verhindert Gott, indem er ihre Sprache verwirrt, also keiner mehr den andern versteht. Bruegels Turm ist eine aberwitzige Konstruktion mit unzähligen Details. Wer das Bild betrachtet und sich auf ein Detail fixiert, verliert alle anderen aus dem Blick, verliert das Ganze.
Daniela Hammer-Tugendhat sprach von einer beobachtenden Haltung Bruegels, die die Welt in ihrer Komplexität, Diversität, Ambivalenz und Widersprüchlichkeit ernst nimmt. Die Forschung habe immer versucht, des Künstlers Weltsicht „hopp oder top“, positiv oder negativ zu sehen. Die Kunsthistorikerin glaubte, „dass das kein sinnvoller Zugang zu Bruegel ist, weil er zeigt, wie das Leben ist, wie er die Welt sieht: Sie ist widersprüchlich. Und diese Ambivalenz muss man aushalten.“
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