Über 16 Jahre war er Pressesprecher der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW): Andreas Duderstedt
Er blieb nie stehen
Robert Rauschenberg hat ein Künstlerleben lang experimentiert, gesucht, ausprobiert
15.09.2026 7 min
Robert Rauschenberg hat wie kaum ein anderer Künstler Gattungs- und Stilgrenzen übersprungen, nie blieb er bei einer einmal erreichten Ausdrucksform stehen. Er verkörpert die US-amerikanische Kunst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
„Ich kann mir so manchen Luxus leisten, aber den der Langeweile nicht“, sagte er über sein unermüdliches Experimentieren, Suchen, Ausprobieren. Nicht nur Maler, Grafiker und Bildhauer war er, auch Fotograf, Choreograf, Kostüm- und Bühnenbildner. Die Konzept- und Performance-Kunst hat er mitgeprägt. Als Wegbereiter der Pop-Art gilt er, viele sehen ihn als Neodadaisten. Aber Schubladen interessierten ihn nicht. Am 22. Oktober 1925 wurde Robert Rauschenberg in Texas geboren. Er starb 2008 in Florida.
1951 trat der junge Künstler erstmals an die Öffentlichkeit: Die „White Paintings“, mit gewöhnlicher Wandfarbe bemalte einfarbig weiße Tafeln, waren wohl ein tastender Versuch, etwas radikal Neues zu schaffen. Es folgten monochrom schwarze und schließlich rote Bilder.
Die amerikanische Kunstszene beherrschte damals der Abstrakte Expressionismus mit seinen wild-pathetischen Pinselschwüngen. Ein Hauptvertreter dieser Richtung – ihr „Hohepriester“, wie manche spotteten – war Willem de Kooning. Von ihm hat Rauschenberg 1951, mit dem Einverständnis des Urhebers, eine Zeichnung ausradiert. Eine radikale Geste der jungen Rebellion gegen die Übermacht der Abstraktion und gewiss auch gegen den Geniekult der etablierten Avantgarde. Rauschenberg verbrauchte nach eigenem Bekunden ein halbes Dutzend Radiergummis und nannte das Ergebnis schlicht „Erased de Kooning Drawing“.
Er wollte etwas anderes: Er wollte das Leben in die Kunst holen. „Malerei bezieht sich sowohl auf Kunst als auch auf Leben. Keines von beiden ist herzustellen. Ich versuche in der Lücke zwischen den beiden zu handeln.“ Rauschenberg nahm – wie ein halbes Jahrhundert zuvor Kurt Schwitters – alltägliche Gegenstände, auch scheinbar wertlose Dinge, Müll, und fügte sie neu zusammen. Auch ausgestopfte Tiere gehörten immer wieder dazu.
„Combines“ nannte er diese Kombinationen, die Malerei und Skulptur vermischten. 1954/55 entstand das Werk „Collection“, das wie ein Gemälde an der Wand hängt, aber durch einen Seidenschleier und Holzreste in den Raum hineinragt. Comics, Farbspritzer, Fragmente von Illustrationen aus Magazinen drängen hier ebenso nach Aufmerksamkeit wie Pinselstriche aus dem Repertoire des Abstrakten Expressionismus. Die Combines brachten Rauschenberg internationalen Erfolg.
Der befreundete Musiker John Cage nahm Alltagsgeräusche in seine Kompositionen mit auf: Hier verbanden sich Musik und bildende Kunst mit dem programmatischen Ziel, in der Lücke zwischen Kunst und Leben zu handeln. Gemeinsam mit Cage und dem Tänzer Merce Cunningham gestaltete Rauschenberg Happenings und Theateraufführungen, entwarf Bühnenbilder und Kostüme, inszenierte in den 1960er Jahren zahlreiche Choreografien und stand auch selbst auf der Bühne.
Zeitgleich mit Andy Warhol entdeckte Rauschenberg 1962 das Siebdruckverfahren für sich. Warhol wiederholte stereotyp ein Motiv in fotomechanisch vervielfältigten Siebdrucken, um die industrielle Konsumgesellschaft vor Augen zu führen. Rauschenbergs Siebrucke, die er bald mit Lithografie, Collage und Zeichnung kombinierte, sind dagegen komplexe, manchmal fein ziselierte Gebilde – oft mit dem Thema Mensch und Technik.
Ab 1965 entstanden Objekte, die Klang und Bewegung verbanden wie „Mud Muse“ (1971): gurgelnde Matschblasen, erzeugt durch ein schallaktiviertes Druckluftsystem in einem mit Wasser verdünnten grauen Tonmineralgemisch.
Das Projekt „Rauschenberg Overseas Culture Interchange“ (ROCI) war eine weltumspannende Wanderausstellung mit wechselndem Bestand von etwa 200 Werken, entstanden in Kooperation mit örtlichen Künstlern. Von 1984 bis 1991 war er in zehn Ländern unterwegs, unter anderem in Kuba, Russland, Malaysia und Deutschland. Sein Ziel war, die jeweils besondere Kultur künstlerisch darzustellen.
Rauschenberg war ein humorvoller Mensch: „Dies schlägt sich auch in seinen Arbeiten nieder, die mitunter explizit oder versteckt Verweise beinhalten, die einen zum Schmunzeln bringen“, sagt Yilmaz Dziewior, Direktor des Museums Ludwig in Köln, das eine der größten Sammlungen amerikanischer Pop-Art besitzt. Dennoch „zeugen viele von Rauschenbergs Arbeiten nicht minder von einer gewissen Ernsthaftigkeit und politischen Involviertheit.“ Themen wie Armut, Rassismus und der Vietnamkrieg kommen immer wieder bei ihm vor.
Dabei blieb er stets „den Prinzipien der Aneignung und der Kombination von unerwarteten Gegenständen treu, auch wenn sich sein Werk immer weiterentwickelte. Der Bezug zu Alltagsobjekten und wie diese inhaltlich aufgeladen sind, zieht sich durch sein gesamtes Werk“, so Dziewior.
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