Duderstedt auf Kultour

Andreas Duderstedt
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Ein Mensch hat Erfolg

Eugen Roths heitere Verse waren Bestseller

15.10.2026 13 min

Zusammenfassung & Show Notes

„Ein Mensch…“ - so beginnen die Gedichte, die ihn bekannt machten. Doch Eugen Roth hat mehr als nur heiter-nachdenkliche Verse über das Menschliche geschrieben. 
 
Das Leichte hat es schwer in der deutschen Literatur. Lange Zeit nahm die Germanistik keine Notiz von Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz oder gar Heinz Erhardt. Auch der Germanist Eugen Roth (geboren 1895) wollte „ernsthaft“ schreiben. Als er 1976 starb, war er einer der meistgelesenen deutschsprachigen Lyriker – aber ausschließlich wegen seiner populären humorvollen Verse. „Das Komische wird vom klassischen Lyrikbegriff nicht erfasst, es steht unter Trivialitätsverdacht“, sagt der Literaturwissenschaftler Christian Maintz, ein Spezialist für komische Lyrik.
 
Eugen Roth, 1914 begeistert in den Ersten Weltkrieg gezogen, wird nach wenigen Monaten schwer verwundet und bleibt seitdem zeitlebens ein erklärter Kriegsgegner. In seiner Heimatstadt München studiert er Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie und promoviert 1922. Erste Gedichte erscheinen, meist düster-expressionistisch und pathetisch.
 
Davon kann er nicht leben, also tritt der Sohn eines stadtbekannten Journalisten in die Fußstapfen seines Vaters und arbeitet ab 1927 als Lokalredakteur bei den Münchner Neuesten Nachrichten. Doch nachdem 1933 die Nazis an der Macht sind, wird er im Zuge der „Gleichschaltung“ als „politisch unzuverlässig“ entlassen. Notgedrungen verlegt er sich auf heitere, unverfängliche Gedichte, findet nach langer Suche auch endlich einen Verlag. 1935 erscheint der Band „Ein Mensch“ – und wird ein überraschender Erfolg. Keine zehn Jahre später sind mehr als eine halbe Million Exemplare verkauft.
 
Ein pessimistischer Grundton der heiteren Verse klingt bereits in dem Vierzeiler an, den Roth seinem ersten Gedichtband als Motto voranstellt:
 
Ein Mensch erblickt das Licht der Welt – 
Doch oft hat sich herausgestellt 
Nach manchem trüb verbrachten Jahr, 
Daß dies der einzige Lichtblick war.
 
Die Aussage von Gottfried Keller, dass aller Humor auf einer Grundtrauer beruht, wird für Roth fast zum Leitmotiv: „Die Grundtrauer sowohl wie eine wirkliche Liebe zu den Menschen sind die Grundlagen meines dichterischen Schaffens“, sagte er. Oft scheint die Trauer oder Skepsis größer als die Menschenliebe:
 
Ein Mensch schaut in der Straßenbahn 
Der Reihe nach die Leute an: 
Jäh ist er zum Verzicht bereit 
Auf jede Art Unsterblichkeit. 
 
Im Nachkriegsdeutschland knüpft er an den Erfolg an. Seine Gedichte, zum Beispiel „Gute Reise“ (1954) oder „Neue Rezepte vom Wunderdoktor“ (1959) erreichen Millionenauflagen. Als einer von ganz wenigen namhaften Lyrikern begibt er sich auch auf poetische Nebengleise und verfasst Schüttelreime und Limericks. 
 
Eugen Roth zeigt in wenigen Worten, wie bequem sich ein biblisches Gleichnis für die eigene Selbstgefälligkeit zurechtbiegen lässt. Die Geschichte, die Jesus erzählt, geht so: Ein Pharisäer und ein Zöllner beten gleichzeitig im Tempel. Der Pharisäer ist ein frommer Mann, der alle Gebote Gottes immer erfüllt. und blickt selbstgerecht und voller Verachtung auf den Zöllner. „Ich danke dir, dass ich nicht bin wie die anderen, wie zum Beispiel dieser“, lautet sein Gebet. Der Zolleinnehmer hat einen Beruf, der bei den meisten Juden verhasst ist, weil er mit der gottlosen römischen Besatzungsmacht kooperiert; die Zöllner standen in dem Ruf, bestechlich zu sein und ihre eigenen Taschen zu füllen – auf Kosten ihrer Landsleute. Er also steht beschämt abseits, schlägt sich an die Brust und betet: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Eugen Roths Gedicht „Der Salto“:
 
Ein Mensch betrachtete einst näher
Die Fabel von dem Pharisäer,
Der Gott gedankt voll Heuchelei
Dafür, daß er kein Zöllner sei.
Gottlob! rief er in eitlem Sinn,
Daß ich kein Pharisäer bin!
 
In das Heitere eingestreut sind ernste Fragen wie die Bedrohung der Menschheit durch die Atombombe. „Das Böse“ heißt ein Gedicht von 1964, das die Voraussetzungen der Vernichtungswaffe schildert:
 
Ein Mensch – was noch ganz ungefährlich –
Erklärt die Quanten (schwer erklärlich!).
Ein zweiter, der das All durchspäht,
Erforscht die Relativität.
Ein dritter nimmt, noch harmlos, an,
Geheimnis stecke im Uran.
Ein vierter ist nicht fernzuhalten
Von dem Gedanken, kernzuspalten.
Ein fünfter – reine Wissenschaft –
Entfesselt der Atome Kraft.
Ein sechster, auch noch bonafidlich,
Will die verwerten, doch nur friedlich.
Ists nicht der siebte erst und achte,
Der Bomben dachte und dann machte?
Ists nicht der Böseste der Bösen,
Ders dann gewagt, sie auszulösen?
Den Teufel wird man nie erwischen:
Er steckt von Anfang an dazwischen.
 
Der Katholik Eugen Roth thematisiert schuldhafte Verstrickung mit schrecklichen Folgen. 
 
Verstrickt in das Böse war er auch selber. Unter der NS-Diktatur kann er sich nicht dagegen wehren, dass ausgerechnet er, der Antimilitarist, im Zweiten Weltkrieg wieder zum Militär eingezogen und zu Lesereisen für die Truppenbetreuung abkommandiert wird. Seine heiteren Verse sollen die Moral der Soldaten heben. Unter dem Titel: „Ein Mensch lädt Kameraden ein / mit ihm ein Stündchen froh zu sein“ erscheint eine Sonderausgabe seiner Gedichte. 1948 resümiert der Autor mit Blick auf die NS-Diktatur:
 
Ein Mensch, kein Freund der raschen Tat,
Hielt sich ans Wort: Kommt Zeit, kommt Rat.
Er wartete das Herz sich lahm –
Weil Unzeit nur und Unrat kam.
 
Und zugleich beschreibt er unter dem Titel „Einsicht“, wie zahlreiche Deutsche nach 1945 plötzlich ihre Unschuld zu beweisen suchten:
 
Ein Mensch beweist uns klipp und klar,
Dass er es eigentlich nicht war.
Ein andrer Mensch mit Nachdruck spricht:
Wer es auch sei – ich war es nicht!
Ein dritter läßt uns etwas lesen,
Wo drinsteht, daß ers nicht gewesen.
Ein vierter weist es weit von sich:
Wie? Sagt er, was? Am Ende ich?
Ein fünfter überzeugt uns scharf,
Daß man an ihn nicht denken darf.
Ein sechster spielt den Ehrenmann,
Der es gewesen nicht sein kann.
Ein siebter – kurz, wir sehens ein:
Kein Mensch will es gewesen sein.
Die Wahrheit ist in diesem Falle:
Mehr oder minder warn wirs alle!
 
Aus heutiger Sicht, urteilt Christian Maintz, wirke Roths Dichtung „zwar handwerklich solide, aber etwas epigonal“ – zumal im Vergleich mit Großmeistern wie Wilhelm Busch oder Christian Morgenstern. Robert Gernhardt (1937-2006) ist heute der bekannteste neuere komische Lyriker deutscher Sprache, seine Gedichte changieren oft zwischen intellektuell gefärbtem Nonsens, funkelnder Ironie, groteskem Humor und ätzender Satire. Für ihn ist Roth „bieder“.
 
Dennoch: Eugen Roth war ein großer Stilist. Seine Verse sind immer makellos. Gerne bildet er aus Substantiven Adjektive wie „krankenkässlich“ oder „straßenbähnlich“ und erzielt damit überraschende Effekte. Auch Wortschöpfungen wie „sich selbst verhelden“ oder „kopfbogenstolzes Briefpapier“ sind typisch für seine heiteren Gedichte. Er spielt mit Wortbedeutungen:
 
Ein Mensch nimmt guten Glaubens an
Er hat das Äußerste getan.
Doch leider Gotts versäumt er nun
Auch noch das Innerste zu tun.
 
Und er spielt mit Redensarten:
 
Ein Mensch, will er auf etwas pfeifen,
Darf sich im Tone nicht vergreifen.
 
Es hat den Dichter gekränkt, dass sein Schaffen jenseits der humorvollen Lyrik fast nicht wahrgenommen wurde. Gedichte, zuletzt in dem Band „Rose und Nessel“ (1951), zeichnen Naturbilder, melancholisch oder farbenprächtig. Seine Prosa rührt häufig an existenzielle Themen wie Sterben und Tod oder Schuld, Sühne und Vergebung.
 
Die autobiografisch gefärbte Erzählung „Das Gespenst“ (1938) schildert aus der Perspektive eines zehnjährigen Jungen das Leiden einer feinen und sensiblen Frau, die es mit ihrem grobschlächtigen Mann in der bayerischen Provinz nicht mehr aushält. Durch Zufall bewahrt sie der Ich-Erzähler vor dem Suizid.
In der Erzählung „Józefa“ (1970) erinnert sich Roth an das Jahr 1944, als er auf Anweisung der Machthaber wieder als „Zeitungsschreiber“ arbeiten musste, „der trösten soll im Trostlosen, der schaudernd spürt, wie jedes gute Wort, das er hinschreibt, zwangsläufig dem Bösen dient, das fallen muß.“
Im Kriegsjahr 1943 spielt die Geschichte „Das Gerücht“ (1952). Ein Soldat hat fünf Tage Urlaub beantragt, denn seine Schwester ist von einem windigen Kerl geschwängert worden, der Bruder will ihre Ehre retten und eine Heirat herbeiführen. Doch es werden ihm nur drei Tage Urlaub gewährt. In der kurzen Zeit kann er sein Anliegen nicht ausführen, er wird er wegen Fahnenflucht verhaftet und standrechtlich erschossen. In Anlehnung an Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ erzählt Roth die dramatische Geschichte zunächst indirekt, in Rückblenden, mit hoher Spannung; erst am Ende wird der Knoten gelöst.
 
Die Erzählkunst des promovierten Germanisten Eugen Roth ist an Adalbert Stifter oder auch an Thomas Mann geschult. „Der Gang zur Christmette“ (1952) ist eine ergreifende Schilderung der Tiroler Bergwelt, ihrer Schönheit und ihrer Gefahren, sowie eine Hommage an ihre Bewohner im alten Österreich und ihre lebenskluge, tiefe Frömmigkeit.