Über die seelischen Grundlagen der Gesellschaft
Sozialpsychologe Erich Fromm
15.08.2026 8 min
Zusammenfassung & Show Notes
Über die seelischen Grundlagen der Gesellschaft
Bücher wie „Die Kunst des Liebens“ fanden in den 1970er Jahren zahlreiche Leser. Heute ist die mediale Präsenz des Sozialpsychologen Erich Fromm nicht mehr groß. Dabei sind einige seiner Erkenntnisse überraschend aktuell.
Ein einzelner Mensch, der psychisch krank ist, kann psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe finden. Aber wenn eine ganze Gesellschaft psychisch krank ist? Diese Frage hat Erich Fromm sein Leben lang interessiert. Die kapitalistische Gesellschaft bringt einen sich selbst entfremdeten Menschen hervor – hier folgt Fromm Karl Marx, und er beschreibt die Folgen dieser Entfremdung anschaulich: Der Mensch, „Teil eines Heeres von Arbeitern oder der bürokratischen Armee der Angestellten und Manager“, sei nur noch eine Nummer, die keine Eigeninitiative mehr entwickeln muss und in Arbeit und Freizeit „schablonisiert“ lebt. So vergisst er, dass er ein Individuum mit Hoffnungen und Enttäuschungen ist, mit der Sehnsucht nach Liebe, kurz: ein Mensch. In seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ (1956) entwirft er eine Art Gegenmodell und betont zugleich, dass nur erste Schritte dafür diskutiert werden könnten, denn: „Die Liebe ist ein persönliches Erlebnis, das jeder nur durch und für sich selbst haben kann.“ Voraussetzungen sind: Disziplin, Konzentration, Geduld und das unbedingte Interesse am Erlernen der Kunst des Liebens.
Der sozialpsychologische Ansatz von Erich Fromm kann erklären, „wie Erfordernisse des gesellschaftlichen Zusammenlebens sich in psychischen Strebungen vieler Menschen wiederfinden“, sagt der Psychoanalytiker Rainer Funk, der das Erich-Fromm-Institut in Tübingen leitet und Fromms Nachlass und Rechte verwaltet. Wie „Menschen unter autoritären sozio-ökonomischen Verhältnissen dazu kommen, diese in der Regel irrationalen, also nicht durch Kompetenzen ausgewiesenen Autoritäten zu idealisieren und sich ihrem Willen bedingungslos zu unterwerfen“ – das könne das von Fromm entwickelte Konzept des autoritären Sozialcharakters erklären.
Wer die aktuelle Situation in den USA betrachtet, wo sich viele Menschen mit der angeblichen Großartigkeit eines Präsidenten und seiner Idee eines großartigen Amerika identifizieren, sieht sich mit einem anderen Typus konfrontiert, den Fromm in den 1960er Jahren beschrieben hat: dem narzisstischen Sozialcharakter, der das Eigene idealisiert und alles Fremde und Andere stigmatisiert. Rainer Funk weist darauf hin, dass sich mit Fromms sozialpsychologischem Ansatz auch noch andere gegenwärtige Entwicklungen erklären ließen, „etwa wo ein entfesselter Kapitalismus nur noch in Kategorien von Siegen und Gewinnen denkt und alles andere aus dem Blickfeld gerät“. Was Erich Fromm noch nicht ahnen konnte: Heute hat der entfesselte Kapitalismus in Gestalt des reichsten Mannes der Welt, Elon Musk, sogar Besitz nicht nur vom ökonomischen, sondern auch vom politischen System der Vereinigten Staaten ergriffen, ohne dafür legitimiert zu sein.
Erich Pinchas Fromm wurde am 23. März 1900 in Frankfurt am Main in eine orthodoxe jüdische Familie hineingeboren. Vorbilder des Heranwachsenden waren namhafte Talmud-Lehrer in der Familie. In Heidelberg promovierte er 1922 bei dem berühmten Soziologen Max Weber über die Frage, was die zerstreut lebenden Juden in aller Welt ohne staatlichen Schutz und ohne bürgerliche Rechte „dennoch innerlich dazu bringt, ähnlich zu denken, zu fühlen und zu handeln“ (Rainer Funk). Antwort: Die Praxis religiösen Lebens auf der Grundlage des Gesetzes, der Thora, hält die Juden zusammen.
Doch 1926 brach Erich Fromm mit dem rituellen Judentum: An Pessach, dem Fest der ungesäuerten Brote, aß er demonstrativ Sauerteigbrot. Die Beschäftigung auch mit anderen Religionen, etwa mit Buddha und mit Jesus, führte ihn zu der Überzeugung, dass alle monotheistischen Glaubensgemeinschaften ihr ursprünglich Eigenes, ihren liebevollen Wesenskern, längst verloren und durch starre Rituale, Dogmen und Ideologie ersetzt hätten. Das gilt analog auch für den Marxismus, der in der Sowjetunion „ritualistisch“ zitiert worden sei, so wie das Evangelium im Westen. „Fromm sagte dem Theismus ab, ohne sich je dem Atheismus zu verschreiben“, so der 2012 verstorbene Theologe Hans Jürgen Schultz, früherer Chefredakteur für Kultur beim Süddeutschen Rundfunk.
1934 emigrierte Erich Fromm in die USA. Er lehrte an Universitäten in New York und später in Mexiko und siedelte 1973 in die Schweiz über, wo er 1980 starb.
Fromm sieht ein allen Menschen eigenes psychisches „Bedürfnis nach einem Rahmen der Orientierung und nach einem Objekt der Hingabe“, das unbedingt befriedigt werden muss. Er begründet damit die Religiosität oder Spiritualität des Menschen psychologisch. Der Mensch, davon ist Fromm überzeugt, kann vernünftig sein, lieben, solidarisch und kreativ sein. In seinem Spätwerk „Haben oder Sein“ (1976) stellt er die letztlich schädliche Existenzweise des Habens als Folge der gewinnorientierten Gesellschaft dem Sein gegenüber: als „Bereitschaft, zu teilen, zu geben und zu opfern“. Beide Tendenzen seien im Menschen angelegt. „Wir müssen uns entscheiden, welches dieser beiden Potentiale wir kultivieren wollen“, sagt Fromm und fügt hinzu: Die Entscheidung sei von der sozio-ökonomischen Struktur der jeweiligen Gesellschaft abhängig.
Rainer Funk, der das Entstehen des Buches als wissenschaftlicher Mitarbeiter begleitet hat, erklärt: Wie ein roter Faden ziehe sich der „humanistische Glaube an das Menschen-Mögliche durch Fromms Leben und Denken“. Und dieser Glaube „hat bei Fromm zweifellos seine Wurzeln in seiner jüdischen Sozialisation“.