Verhindert die Politik echte Teilhabe? – Jürgen Dusel (Bundesbehindertenbeauftragter) im Gespräch
Episode 5 - Aus unserer Reihe Rund um den europäischen Protesttag - unterstützt von der Aktion Mensch
10.05.2026 25 min
Zusammenfassung & Show Notes
In der fünften und letzten Ausgabe der Rubrik „Verhindert Politik die echte Teilhabe?“ spricht der Inklusator Sascha Lang mit dem Bundesbeauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Jürgen Dusel. Im Mittelpunkt des Gesprächs stehen die aktuellen Entwicklungen rund um das Behindertengleichstellungsgesetz, die politische Situation in Deutschland sowie die Frage, warum Inklusion und Barrierefreiheit noch immer zu oft als Belastung statt als Menschenrecht betrachtet werden.
Jürgen Dusel ordnet die politischen Prozesse der vergangenen Monate ein und spricht offen über schleppende Gesetzgebungsverfahren, Kompromisse innerhalb der Bundesregierung und die Herausforderungen, Inklusion in Krisenzeiten sichtbar zu halten. Deutlich kritisiert er die aktuelle Fassung des Gesetzes und macht klar, dass echte Teilhabe nicht von wirtschaftlicher Zumutbarkeit abhängig gemacht werden darf.
Außerdem geht es um die Bedeutung des Europäischen Protesttages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai, die Rolle der Selbstvertretung sowie den Druck, den Betroffene und Verbände aufrechterhalten müssen, damit politische Veränderungen tatsächlich umgesetzt werden. Dusel spricht dabei auch sehr persönlich über seine Rolle zwischen Politik, Aktivismus und eigener Betroffenheit.
Zum Abschluss richtet Sascha Lang einen klaren Appell an alle Hörerinnen und Hörer: Teilhabe braucht Sichtbarkeit, Protest und Engagement. Die Serie entstand in Kooperation mit Aktion Mensch und bildet den Abschluss einer intensiven Interviewreihe mit behindertenpolitischen Sprecherinnen und Sprechern verschiedener Parteien.
Zur Aktion Mensch:
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Transkript
Mit eurem Inklusator Sascha Lang.
Igel Inklusion, ganz einfach leben, der Podcast für gelebte Inklusion.
Es ist der 10. Mai 2026, 16 Uhr, Veröffentlichung vom fünften und letzten Teil
unserer Rubrik Verhindert Politik die echte Teilhabe.
Mit bei mir im Gespräch ist nun Jürgen Dusel. Er ist der Bundesbehindernbeauftragter
für Belange behinderter Menschen im Bund.
Wir haben uns mit vier Parteien unterhalten. Die Linke, CDU, CSU, Grüne und SPD.
Verzichtet haben wir auf die AfD. Nun spricht zu uns Jürgen Dusel.
Das Interview haben wir aufgezeichnet vor etwa drei Wochen, also bevor die Diskussion
im Bundestag war und ich glaube sogar bevor das Papier veröffentlicht wurde.
Ich weiß es nicht mehr ganz genau.
Und trotzdem ist es ein wichtiges Interview, denn Jürgen Dusel ordnet auch die
Politik, die derzeit gemacht wird oder eher nicht gemacht wird, ein.
Es ist also der Schlusspunkt unserer Serie in Kooperation mit der Aktion Mensch,
bei der ich mich hier herzlich bedanke, dass Sie diese Serie unterstützt haben.
Und das ist die Episode 326 und Ausgabe 5 der Rubrik Verhindert Politik,
echte Teilhabe. Mein Name ist Tasche Lang, ich wünsche gute Unterhaltung.
Egel-Inklusion, ganz einfach leben. Wir sind auf der Aufzeichnung am 20.
April und die Ausgabe wird am 10. Mai gesendet nach einer Woche der Protestveranstaltungen
in Deutschland zum 5. Mai.
Und nachdem wir alle Bundestagsbeauftragten aus den Fraktionen,
die Behindertenbeauftragten interviewt haben.
Herr Dussel, herzlich willkommen. Der Bundesbehindertenbeauftragte ist nun bei
uns im Interview. Hallo.
Schönen guten Tag. Herr Dussel, es ist schon, haben wir gesagt,
so ein bisschen Tradition.
Als Sie wieder nominiert wurden, haben wir vor einem Jahr, glaube ich,
ein Interview geführt. Und jetzt ist ein Jahr später.
Die Regierung ist seit einem Jahr im Amt. Und wir haben so in der Behindertenwelt
das Gefühl, da geht nichts weiter.
Wie sieht es der Behindertenbeauftragte des Bundes? Geht es weiter? Geht es nicht weiter?
Sehen wir zu wenig? Wie ist die Einschätzung Ihrerseits?
Naja, ich meine, die Koalition hat sich sozusagen erst mal gebildet und dann
wird natürlich erst mal geguckt, eine Priorisierung hinzukriegen.
Was ist wichtig, was ist nicht ganz so wichtig?
Dann kommen manchmal auch von außen politische Situationen, wo man reagieren muss.
Und ich will das gar nicht so schön reden, aber es ist natürlich nicht nur behindertenpolitisch,
was zu leisten in diesem Land.
Und da ist es aus meiner Sicht dann schon so, dass das Verfahren,
das wir jetzt eben erleben, also das Behindertengleichstellungsgesetz,
das hätte schneller kommen können, das will ich deutlich sagen.
Wir sind immer noch im Gesetzesentwurfsverfahren, wir sind im parlamentarischen
Verfahren, aber mir geht das auch nicht schnell genug.
Und ich glaube, vielen Menschen mit Behinderung geht es auch nicht schnell genug.
Das ist halt unser Anspruch, dass es jetzt tatsächlich konkret rachaziert.
Es hat lang gedauert, es ist jetzt da und jetzt hat man trotzdem das Gefühl,
dass es extrem abgeschwächt ist.
Da stehen ja Sachen drin, die ich so in einem Gesetz noch nie gelesen habe,
wie Zumutbarkeit oder Verhältnismäßigkeit und so weiter.
Das sind ja Begriffe, die für ein Gesetz unwürdig sind aus unserer Sicht,
aus der Betroffenen-Sicht.
Wie sehen Sie das, dass dieses Gesetz gefühlt so extrem abgeschwächt und zögerlich ist?
Dieser Gesetzesentwurf, der durch die Bundesregierung gemacht wurde,
ist ein Kompromiss, wie alle Gesetze, die irgendwie dann ins parlamentarische Verfahren kommen.
Das sind Kompromisse von verschiedensten Interessen sozusagen.
Und wir haben hier klar ein Interesse, das ist mein Interesse,
dass sich für die Situation von Menschen mit Behinderung in diesem Land wirklich
was verbessert. Also es muss was bei den Leuten ankommen.
Ich glaube, das teilt auch das BMS. Und dann haben wir sozusagen eine andere
Seite, nämlich beispielsweise das Wirtschaftsministerium.
Dass das Interesse hat, möglichst in Anführungsstrichen Kosten und Sonstiges
von der Wirtschaft fernzuhalten.
Und dann begibt man sich in einen Diskurs und dann ist die Frage gesetzlich irgendwie durch.
Kommt man zu einem guten Kompromiss oder kommt man zu einem weniger guten Kompromiss?
Ich finde, das ist ein weniger guter Kompromiss und deswegen vertraue ich jetzt
auf das parlamentarische Verfahren.
Das Gesetz schützt ja gefühlt eher die Unternehmen als die Betroffenen.
Sehen Sie das mit großer Sorge, solche Herangehensweisen?
Ich finde das nicht richtig und ich finde das auch ungerecht,
weil wir reden hier über Menschenrechte.
Wir reden über Menschenrechte von Menschen mit Behinderungen auf Zugang.
Wir reden über die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention.
Und ich kann beim besten Willen nicht sehen, inwieweit das die Wirtschaft in
Deutschland so belasten würde, dass hier der Untergang des Abendlandes droht.
Das ist meine persönliche Meinung und ich teile diese Meinung natürlich auch
mit Menschen im politischen Geschäft.
Aber nochmal, es ist eben ein Kompromiss bzw. es ist eben ein Diskurs.
Und das finde ich auch normal. Also wenn man unterschiedliche Interessen hat,
egal in der Politik oder auch woanders, dann muss man zu Kompromissen kommen.
Und da bin ich auch mit einverstanden. Aber dieser Kompromiss,
finde ich, ist nicht gut.
Und deswegen muss da nachgebessert werden und deswegen bin ich zurzeit ziemlich
aktiv, um mit Menschen, die im Parlament sind, also Abgeordneten zu reden,
damit wir da noch gemeinsam bzw.
Die Abgeordneten Änderungen vornehmen, damit dieses Gesetz dann auch wirklich
den Namen verdient, der drüber steht, nämlich Gleichstellungsgesetz.
Zurzeit verdient das Gesetz diesen Namen noch nicht.
Wir reden von Barrierefreiheit als Grundprinzip, um Inklusion und Teilhabe zu kreieren.
Erst wenn alles barrierefrei ist, können wir teilhaben. Jetzt wird Barrierefreiheit,
Inklusion als zu teuer, unzumutbar bewertet.
Wie ist denn dann Barrierefreiheit überhaupt umsetzbar und möglich,
wenn es anscheinend laut der Politik immer zu teuer und unzumutbar ist?
Ich würde die Politik dann nicht ganz verhaften, sondern es gibt eben Strömungen
innerhalb der Politik. Und ich habe das, glaube ich, gesagt,
dass es eben eher so jemand oder politische Kräfte oder Kolleginnen und Kollegen, die eben sagen, hm,
In der jetzigen Situation vor dem Hintergrund auch der Konjunktur,
seid mal ein bisschen vorsichtig, um hier die Wirtschaft zu belasten.
Ich halte das für falsch, ich habe das gesagt, weil ich glaube,
dass Barrierefreiheit unser Land nach vorne bringt, unabhängig jetzt davon,
dass es eben Zugang für Menschen mit Behinderungen bedeutet,
sondern das macht unser Land besser.
Und Menschen mit Behinderungen sind eben auch Kundinnen und Kunden und geben Geld aus.
Und wenn jemand mit dem Rollstuhl halt nicht im Geschäft reinkommt,
dann gibt er da sein Geld nicht aus. Also insofern kann ich das noch nicht so richtig verstehen.
Und wir reden ja über das Thema der angemessenen Vorkehrungen in diesem Gesetz
und das beinhaltet schon eine Verhältnismäßigkeitsprüfung.
Das heißt also, angenessene Vorkehrungen müssen immer verhältnismäßig sein.
So steht es in der UN-Behindertenrechtskonvention drin. Man kann sich das anschauen in Artikel 2.
Und wenn man dann sagt, dass diese verhältnismäßigen Vorkehrungen eben grundsätzlich
unverhältnismäßig sind in bestimmten Bereichen, dann passt das nicht zusammen.
Und deswegen möchte ich das wirklich, dass das im parlamentarischen Verfahren geändert wird.
Es gibt die einen Politiker vom Bundeskanzler bis verschiedene Abgeordnete,
die der Meinung sind, dass Inklusion zu teuer ist.
Es gibt andere Minister, die Sie treffen, die gerne über Inklusion und Teilhabe reden.
Gefühlt hat man aber das Gefühl, es bleibt bei den Reden. Sie treffen ganz viele
Minister auch auf verschiedenen Anlässen, wo auch Minister dann mit Ihnen zusammenkommen.
Was haben Sie für einen Eindruck?
Ist das alles gesteuert? Ist das alles ein System oder ist es Mangel an Mut?
Ist es Angst aufgrund der jetzigen Zeit, dass die Behindertenpolitik so ein
bisschen hinten angestellt wird? Wir verwalten derzeit einige Krisen.
Ist es einfach Verwaltungspolitik? Weil wir haben ja auch schon die vorherige
Koalition, die einen sehr ambitionierten Koalitionsvertrag hatte,
dann an sich selber gescheitert ist, aber nicht nur wegen der Behindertenpolitik, sondern insgesamt.
Was ist Ihr Eindruck da drin? Ihr persönlicher vielleicht auch?
Ich glaube, das war schon immer so. Ich glaube, dass da, wo Politik gemacht
wird, da, wo unterschiedliche Fraktionen zusammenarbeiten in der Koalition,
eben ganz unterschiedliche Interessen und ganz unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden.
Und da geht es eben darum, gemeinsam was zu machen, was gut ist.
Und das hat sich, glaube ich, in den letzten 30, 40, 50 Jahren gar nicht so
sehr verändert. Und Sie haben ja recht, die letzte Koalition hat sich viel vorgenommen.
Bekommen ist dann nicht ganz so viel, um es mal vorsichtig zu sagen.
Und deswegen ist mein Anspruch, dass diese Koalition jetzt Besseres liefert.
Und dafür trete ich eben ein, zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen,
zusammen auch mit vielen Selbstvertretungsorganisationen, behinderter Menschen.
Und ich glaube, es ist wichtig, dass wir eben jetzt am Ball bleiben.
Und dass wir auch deutlich sagen, was wir meinen, damit wir in diesem Konzert
verschiedenster Interessen eben auch eine starke Stimme haben.
Dann wird man sehen, was rauskommt.
Ich habe ja gesagt, noch habe ich nicht aufgegeben. Wir sind im parlamentarischen
Verfahren und da gilt das alte Peter-Strucksche-Gesetz.
Kein Gesetz verlässt den Bundestag so, wie er reingekommen ist, das Gesetz.
Also insofern bin ich noch, ja, bin ich einfach noch, habe ich noch nicht aufgegeben,
um es mal deutlich zu sagen. Also ich bin noch zuversichtlich und hoffe,
dass die Zuversicht dann auch trägt.
Was macht das denn mit Ihnen zwischen dieser politischen Rolle,
die sich bieten, bei den verschiedenen Parteien zu wirken, aber auch natürlich
ihrer persönlichen Überzeugung?
Und dazu kommt natürlich auch, Sie sitzen ja so indirekt zwischen zwei Stühlen,
zwischen der Politik und den Betroffenen. Was macht das mit Ihnen persönlich?
Naja, das ist mein Job. Mein Job ist es als Behindertenbeauftragter darauf hinzuwirken,
also dafür zu arbeiten, dass der Bund eben seiner Verantwortung für gleichwertige
Lebensverhältnisse zu sorgen gerecht wird.
Hätten wir gleichwertige Lebensverhältnisse, bräuchte es eigentlich keinen Behindertenbeauftragten.
Und es ist klar, wenn man darauf hinwirkt, also wenn man sozusagen dafür arbeitet,
dann stößt man da sozusagen auch auf Widerstände.
Vollkommen klar, das ist nicht schön.
Also ich würde natürlich viel lieber es so haben, dass ich mich immer durchsetze,
weil ich der Meinung bin, das wäre einfach sehr gut.
Aber das ist eben Teil des Geschäftes. Also man muss einen langen Atem haben.
Das sagen ja alle, aber es ist echt so.
Man muss auch Frustrationen ertragen können.
Man muss akzeptieren, dass es nicht so schnell geht, wie man es gerne hätte.
Und das schaffe ich eigentlich zurzeit ganz gut. Aber manchmal,
ich gebe es Ihnen ehrlich zu, manchmal, wenn ich dann bestimmte Diskussionen
mitbekomme, die aus meiner Sicht auch teilweise richtig herzlos sind,
Und dann schwillt mir dann schon der Kamm, wie man so schön sagt.
Dann kann ich auch manchmal sauer werden.
Aber ich versuche, das möglichst professionell hinzukriegen.
Und ich merke eben auch ganz viel Unterstützung von Politikerinnen und Politiker.
Also ich sehe, dass Heike Heubach, die behindertenpolitische Sprecherin der
SPD, meine Position wirklich im Wesentlichen teilt.
Und also ich bin da nicht allein auf hoher See.
Das ist einfach dieser Job. Und dieser Job ist eine Ehre für mich und eine Freude
für mich und auch ziemlich anstrengend manchmal, aber das ist okay.
Ich gehe mal in die Vergangenheit, Sie sind ja nicht zum ersten Mal Bundesbindern und Auftragte.
War es vorher schwieriger oder hat man nur im Moment so das Gefühl,
dass im Moment so diese Situation etwas schwieriger ist?
Also ich hatte noch nicht so das Gefühl, seit ich diesen Podcast hier mache,
dass es so anstrengend war mit der Politik.
Naja, es gab schon Phasen, die waren auch schwierig. Ich erinnere an die Pandemie.
Das war sehr schwierig in der damaligen Zeit.
Und ich will nicht sagen, dass es schwieriger geworden sind,
aber die Rahmenbedingungen sind andere geworden. Also wir haben einfach eine
Situation, Sie haben es gesagt, wo wir multiple Krisen haben weltweit.
Wir haben die Situation, dass wir merken, dass die Menschenrechte weltweit unter
Druck geraten und wir merken in unserem Land, dass die Kassen leerer werden
und dass die Verteilungskämpfe zunehmen.
Ich merke deutlich, dass jetzt auch das Thema Leistung der Eingliederungshilfe,
der Kinder- und Jugendhilfe diskutiert werden.
Wir merken, dass die Kosten steigen und wir müssen eine Antwort finden darauf.
Und diese Antwort finden wir nur im Diskurs und wir finden sie nur,
wenn wir richtige Sachargumente bringen.
Und das ist mein Job, also nicht nur in Anführungsstrichen jetzt drauf zu hauen
und zu polemisieren, das würde nichts bringen, sondern gute Argumente dafür zu sorgen, zu finden,
gute Argumente und auch Sachargumente zu finden, die eben dann die politisch
Verantwortlichen im Parlament auch überzeugen.
Denn am Ende des Tages geht es ja nicht darum, was man alles fordert,
sondern am Ende des Tages geht es wirklich darum, was man durchgesetzt kriegt,
wofür man Mehrheiten bekommt und daran arbeite ich zurzeit ziemlich stark.
Wo sehen Sie denn Ihre stärkste Wirkung? Intern in der Politik,
im politischen System oder bei der Politik oder als Stimme nach außen?
Wo finden Sie oder ist es aufgeteilt überall ein bisschen?
Naja, ich konzentriere mich zurzeit natürlich jetzt beim Behindertengleichstellungsgesetz
sehr stark eben, ob das Hinwirken in die Politik.
Das ist klar, das ist ja auch erst mal mein Job. Aber ich bin natürlich auch
viel im Land unterwegs, spreche mit ganz vielen Menschen mit Behinderungen,
mit den Verbänden und bekomme da sozusagen dann auch Argumente mitgeliefert.
Aber zurzeit ist es tatsächlich so, ich wirke in die Politik hinein.
Ich mache Politikberatung und ich glaube, das ist jetzt auch in der Phase,
in der wir uns zurzeit bewegen.
Nicht nur, was das Gehindertengleichstellungsgesetz betrifft,
sondern eben auch das Thema Debatte um die Eingliederungshilfe,
Debatte um die Sozialstaatsreform.
Das ist zurzeit wirklich der Job, der mich vor allem umtreibt.
Aber das bedeutet nicht, dass ich keinen Kontakt zur Zivilgesellschaft habe.
Ganz im Gegenteil, ich bin viel unterwegs und bekomme da dann eben auch den entsprechenden Input.
Ich habe es vorhin angedeutet, das Interview wird am 10. Mai ausgestrahlt.
Dann ist die Protestwoche, die jährlich seit schon über, glaube ich,
gefühlt 30 Jahren stattfindet, schon vorbei.
Aber trotzdem, der 5. Mai stellt jedes Jahr immer wieder neue Herausforderungen,
viele Veranstaltungen.
Haben Sie das Gefühl, wir nehmen das Interview ja vorher auf,
Aber haben Sie das Gefühl, dass dieses Jahr der Wille, auf die Straße zu gehen,
in irgendeiner Form oder auch digital zu protestieren... Herr Lange,
ich kann Sie jetzt nicht hören.
Ich habe Sie jetzt nicht hören können. Sorry. Okay. Geht es jetzt besser?
Ja, ich hoffe. Jetzt hören Sie wieder. Okay.
Der 5. Mai ist jetzt vorbei, wenn wir das Interview ausstrahlen.
Im Vorfeld sind wir vor dem 5. Mai. Das ist der Europäische Protesttag.
Wir sind in einer Krisenzeit, auch was die Behindertenpolitik anbelangt.
Wie blicken Sie auf diese Protestwochentage?
Was ist das für Sie? Wie wichtig ist das für Sie, dass die Menschen mit Behinderung
die Stimme erheben? Nicht nur auf der Straße, vielleicht auch digital.
Es gibt eine Bundestagspetition. Und was ist Ihr Eindruck, wenn wir auf diese
Protestveranstaltungen voraus- und zurückblicken?
Ich finde das gut. Ich finde das notwendig. Das ist Teil unserer Demokratie.
Und ich sage ja nicht umsonst, Demokratie braucht Inklusion.
Also wenn Menschen für ihre Interessen auf die Straße gehen und wenn Menschen
ihre Interessen artikulieren, dann finde ich das gut und richtig.
Das ist eben die Möglichkeit, die wir in unserem Land haben.
Ich persönlich werde am 5.
Mai auch bei einer Veranstaltung in Stuttgart voraussichtlich sein und ich will
einfach sagen, ich finde es gut, wenn Menschen mit Behinderung laut werden und
wenn sie ihre Forderungen stellen, das machen alle anderen übrigens auch,
egal jetzt, wenn es um andere Gesetze geht.
Wir leben in einer Demokratie, wo man Gott sei Dank seine Meinung frei sagen
kann und dann muss man es auch tun oder dann sollte man es auch tun.
Also insofern finde ich das gut und richtig.
Jetzt wurde die erste Lesung verschoben. Am 16. April sollte sie stattfinden.
Für dieses Gleichstellungsgesetz wurde verschoben. Macht es Ihnen Hoffnung,
dass das verschoben wurde, dass da vielleicht ein neuer Blick drauf geworfen
wird, dass es bessere Kompromisse gibt?
Sie haben gesagt, das Gesetz geht nie so raus, wie es reingegangen ist.
Als Finanzamtbeauftragter muss man ja grundsätzlich optimistisch sein.
Und ich hatte jetzt in der Vergangenheit ein Gespräch im Arbeits- und Sozialausschuss
und habe da nochmal meine Position deutlich gemacht.
Und ich hoffe, dass das wirkt. Also ich kann mir vorstellen,
dass natürlich auch andere Ausschüsse und andere Personen sich nochmal mit dem Gesetz befassen.
Aber ich will zumindest meinen Beitrag leisten, dass zumindest die Argumente,
die wir haben, Und ich glaube, wir haben gute Argumente für eine Verbesserung,
dass die auch wirklich gehört werden.
Und dann schauen wir mal, was wir wirklich dann am Ende im Gesetz stehen haben.
Aber solange das Gesetz noch nicht verabschiedet ist, solange werde ich für
die Verbesserung kämpfen.
Viele wissen es vielleicht, andere nicht. Sie sind ja Bundesbehindertenauftragte,
aber auch selbst betroffen.
Lassen wir mal den Bundesbehindertenauftragten weg. Sie wären selbst betroffen.
Würden Sie diesem Gesetz, wenn es dann doch rauskommt, vertrauen?
Naja, Vertrauen im Gesetz, Vertrauen ist immer so eine Sache.
Wie fände ich es denn? Also fände ich es gut oder fände ich es nicht gut?
Und da muss ich sagen, also egal, ob ich jetzt Behindertenbeauftragter bin oder
ein Mensch eben mit einer ganz starken Sehbehinderung, ich bin blind mit einem
ganz kleinen Sehrest, das würde mir nicht reichen.
Also ich glaube, ich hätte auch gute Argumente. Ich würde sagen,
wie sieht es denn in anderen Ländern aus?
Also beispielsweise in Österreich oder in den Vereinigten Staaten oder in Großbritannien.
Ich würde einen Vergleich sozusagen vornehmen.
Und dann würde ich wahrscheinlich, wenn das Gesetz zurzeit noch formuliert ist,
sagen, schade, eine verpasste Chance.
Wir Deutschen leben manchmal nach dem Motto, es soll alles besser werden,
aber eigentlich soll es so bleiben, alles wie es ist. Und damit kommt man nicht weit.
Also sowohl als Behindertenbeauftragter als auch als Mensch mit Behinderung
würde ich sagen, das wäre zu wenig.
Und wenn das Gesetz so käme, was ich nicht hoffe, dann würde ich das auch als
Behindertenbeauftragter so sagen, das ist zu wenig.
Lassen wir uns noch mal ganz kurz einen Blick vorauswerfen. Wir haben ja nicht
nur das Bundesgleichstellungsgesetz, die AGG-Reform liegt noch irgendwo in den Schubladen.
Die Reform der Werkstätten liegt noch da.
Es soll jetzt auch an den Krankenkassen geschraubt werden. Die Kosten von den
Krankenkassen sollen überarbeitet werden.
Die Jugendhilfe, Kinderhilfe und so. Es sind ja so viele Baustellen,
die derzeit uns beschäftigen.
Was ist in der Zukunft für Sie noch wichtig, worauf Sie gerne hinweisen würden?
Also erstmal finde ich es vollkommen in Ordnung, dass man auf die Kosten guckt.
Das habe ich, glaube ich, schon mal gesagt.
Also wenn Kosten steigen, egal ob das im eigenen Haushalt ist oder eben im Haushalt
des Bundes ist, dann muss man draufschauen und muss schauen, woran liegt das denn?
Und wenn ich an die Eingliederungshilfe denke beispielsweise,
kann man das sehr gut erklären.
Wir haben eine allgemeine Preissteigerung, wir haben eine Inflation,
wir haben die Situation, dass Menschen mit Behinderungen älter werden,
Gott sei Dank, und höhere Leistungen dann auch im Bereich der Pflege brauchen
und so weiter, kann man alles erklären. Die Frage ist, was folgt daraus?
Und mein Punkt ist da ganz klar. Lasst uns, wenn wir dann über die Eindämmung
von Kosten reden, mal gucken, was denn Aufkosten verursacht.
Zum Beispiel diese enorme Bürokratie, die wir da haben.
Und lasst uns mal die Bürokratie abbauen und lasst mal darüber diskutieren,
was denn die Länder beispielsweise, die sich ja jetzt im Bereich der Eingliederungshilfe
sehr stark engagieren und dann auch Leistungen kürzen wollen.
Was tun denn die Länder konkret, damit Menschen mit Behinderung auch mal eine
Chance haben, aus dem Bezug der Eingliederungshilfe rauszukommen?
Also Stichwort Übergang aus der Werkstatt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt.
Was tun sie denn, wenn damit Menschen mit Behinderung aus der stationären Wohnform
rauskommen in eine barrierefreie und bezahlbare Wohnung?
Bauen die denn barrierefrei und bezahlbare Wohnung und so weiter?
Also da muss man wirklich diskutieren. Da habe ich auch Argumente.
Und jetzt für die Zukunft, Eingliederungshilfe wird sicherlich ein Thema sein.
Da gehe ich fest von aus. Das Thema des inklusiven Arbeitsmarktes wird auch ein Thema sein.
Ich fordere da ein Arbeitsmarktprogramm, weil wir hatten noch nie in den letzten
Jahren so viele schwerbehinderte arbeitslose Menschen, die gut qualifiziert
sind und die keinen Job kriegen, obwohl eben viele Arbeitskräfte und zum Teil
auch noch Fachkräfte gebraucht werden.
Das wird für mich wichtig sein. Das Thema Gewaltschutz in Einrichtungen wird für mich wichtig sein.
Der Zugang zum Gesundheitssystem ist und bleibt ein Problem.
Also es gibt noch gut zu tun für mich.
Herr Dusel, deshalb entlassen wir Sie jetzt auch in die Arbeitswelt wieder.
Sie haben ganz viel zu tun, haben Sie gesagt. Vielen Dank für Ihre Zeit und
für dieses fast schon jährliche Interview.
Ich wünsche ganz viel Kraft und Energie und verlassen Sie sich darauf,
dass wir hinter Ihnen stehen.
Und vor allem lassen Sie sich nicht entmutigen. Danke für Ihre Zeit.
Ich danke Ihnen sehr und alles Gute auch für Sie. Auf den Social-Media-Kanälen
und unter www.aktion-mensch.de Hier findet ihr alle Informationen nochmal zu
den diesjährigen Protesttagen.
Über 500 Veranstaltungen gab es und viele Menschen waren draußen und haben protestiert.
Sie waren vor Ort und konnten oder haben versucht teilzuhaben, teilzunehmen.
Aber das Kompliment geht auch an alle, die raus, die über Social Media oder
andere Kanäle protestiert haben, die Briefe geschickt haben,
dann Abgeordnete und die gekämpft haben wie Löwen. Der Kampf ist leider noch nicht vorbei.
Wir müssen noch weiterhin Gas geben. Deshalb bleibt dran und versucht überall
eure Stimme zu erheben, wo es nur möglich ist.
Denn jede Stimme zählt und jede kleinste Aktion ist wichtig.
Mein Name ist Sascha Lang, ich bin euer Inklusator.
Ich bedanke mich nochmal ganz herzlich bei der Aktion Mensch für die Unterstützung
dieses Projektes und bei allen Interviewpartnern, Sören Pellmann,
Heike Heubach, Corinna Rüffler.
Wilfried Oehlers und Jürgen Dusel. Vielen Dank, dass ihr diese Interviewreihe
mitgemacht habt und auch bei den Kobinett-Nachrichten, die mal regelmäßig über
diese Serie berichtet haben.
Tschüss, bye-bye und vielen Dank. Euer Inklusator Sascha Lang.
Für den Inklusator Sascha Lang bedeutet Inklusion, Inklusion ist ein Gesellschaftsprojekt.
Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch ganz natürlich dazugehört.
Egal wie du aussiehst, welche Sprache du sprichst oder ob du eine Behinderung hast.
Inklusion heißt teilhaben.
Wir möchten dich mit unserem Podcast dazu motivieren, bereits jetzt an der Gesellschaft teilzunehmen.
Denn nur so können Barrieren abgebaut werden.
Barrieren, die nicht nur im Alltag bestehen, sondern auch in den Köpfen.
Lasst uns diese gemeinsam abwarten.
IGL. Inklusion. Ganz einfach leben. Wird dir präsentiert von Inklusator.
Infos zum Inklusator und weitere Folgen findest du unter www.igelmedia.com.
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