Laut ist nicht Go-Live-kritisch: Stakeholder-Management und Clean Core in SAP-Projekten
Wie man als Projektleiter unsichtbare „U-Boot-Stakeholder“ früh erkennen, Anforderungen belastbar priorisieren und Scope Creep sowie technische Schulden vermeiden kann.
07.09.2026 25 min
Zusammenfassung & Show Notes
In vielen HR-IT- und SAP-Projekten scheitert der Erfolg nicht an der Technik, sondern an zu spät eingebundenen Stakeholdern, unklaren Prioritäten und immer neuen Sonderwünschen. Gemeinsam mit Johannes Brückmann sprechen wir darüber, wie Projektleiter „laut“ von wirklich Go-Live-kritisch unterscheiden, Stakeholder wirksam einbinden und Scope Creep begrenzen. Außerdem zeigen wir, warum SAP Clean Core vor allem eine Frage von Governance, Veränderungsbereitschaft und konsequenten Entscheidungen ist.
📢 Episode: Laut ist nicht Go-Live-kritisch – Stakeholder-Management und Clean Core in SAP-Projekten
🎙 Gast: Johannes Brückmann – Projektmanager für SAP HCM, HR-IT und Transformationsprojekte
🎯 Thema: Wie Projektleiter relevante Stakeholder frühzeitig einbinden, Anforderungen belastbar priorisieren und SAP Clean Core als organisatorischen Veränderungsprozess etablieren.
🔍 In dieser Episode erfährst du:
✅ Warum HR-IT- und SAP-Projekte häufig nicht an der Technik, sondern an zu spät eingebundenen Stakeholdern scheitern.
✅ Weshalb eine einmalig erstellte Stakeholderanalyse nur ein gefährliches Gefühl von Sicherheit vermittelt.
✅ Wie du „U-Boot-Stakeholder“ rechtzeitig erkennst und dein Stakeholder-Management kontinuierlich aktuell hältst.
✅ Warum informelle Gespräche, persönliche Videos oder kurze Newsletter oft wirksamer sind als formelle Statusberichte.
✅ Mit welcher einfachen Frage du laute Sonderwünsche von wirklich Go-Live-kritischen Anforderungen unterscheidest.
✅ Wie WSJF dabei hilft, Anforderungen nachvollziehbar zu bewerten und politische Diskussionen zu versachlichen.
✅ Warum SAP Clean Core keine einmalige technische Initiative, sondern eine dauerhafte Governance- und Change-Aufgabe ist.
📌 Highlights:
⏳ [00:25] – Warum HR-IT- und SAP-Projekte zur Dauerbaustelle werden
👤 [01:47] – Vorstellung von Johannes Brückmann
⚠️ [03:53] – Die Gefahr der Alibi-Stakeholderplanung
🔄 [06:42] – Warum Stakeholder-Management „atmen“ muss
☕ [08:07] – Vertrauen entsteht vor allem informell
📹 [10:52] – Newsletter, Videos und persönliche Kommunikation statt Textwüsten
🎯 [14:01] – Wichtig, laut oder wirklich Go-Live-kritisch?
📊 [15:59] – Anforderungen mit WSJF nachvollziehbar priorisieren
🧩 [17:53] – Clean Core als Organisations- und Change-Thema
💳 [21:27] – Goldrandlösungen, Custom Code und technische Schulden
🚀 [23:29] – Fazit und sofort umsetzbare Praxis-Hacks
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Transkript
Hallo und herzlich willkommen bei
Smart Hacks für IT-Projektmanager.
Präsentiert von Sidekick Network basiert
unser Podcast auf der Erfahrung
von über 20.000 IT-Projekten.
Bist du bereit, direkt
zum Punkt zu kommen?
Dann lass uns starten!
In vielen HR-IT- und
SAP-Transformationsprojekten scheitert die
Umsetzung nicht an der fachlichen Idee.
Sondern daran, dass relevante Stakeholder
zu spät eingebunden werden,
Sonderwünsche unklar priorisiert sind und
zwischen Standardisierungen und
individuellen Anforderungen kein
belastbarer Entscheidungsrahmen besteht.
Gerade in großen Organisationen wird
HR-IT dann schnell zur Dauerbaustelle.
Der Fachbereich fordert Ausnahmen,
Entwickler wollen bestehende Lösungen
behalten, Parallelprojekte funken
dazwischen und kurz vor dem Go-Live wird
sichtbar, dass zentrale Rollen im
Test oder in der Umsetzung fehlen.
In dieser Episode zeigen wir, wie
Projektleiter mit gutem
Stakeholder-Management zwischen wichtig
und laut und wirklich go-live-kritisch
unterscheiden und warum das
SAP-Leitprinzip Clean Core dabei weniger
ein Technikthema als ein
organisationaler Veränderungsprozess ist.
Unser heutiger Gast ist Johannes
Brückmann, ein erfahrener Projektmanager
im SAP HCM-Umfeld mit Praxis
in komplexen Konzernstrukturen.
Johannes bringt konkrete Erfahrung aus
HiRIT-, S/4HANA- und HCM-Projekten mit.
Besonders spannend ist sein Blick auf
Situationen, in denen Projekte nicht an
fehlender Methodik scheitern, sondern an
nicht eingebundenen Stakeholdern,
unklaren Verantwortlichkeiten
und dem Konflikt zwischen Standardisierung
und Goldrandwünschen.
Hallo Johannes, schön, dass du da bist.
Dass wir dich heute als
Gast begrüßen dürfen.
Danke, Andreas, dass ich da sein darf.
Wir kennen uns ja jetzt schon eine ganze
Weile, die wir zusammenarbeiten durften,
und in den Projekten haben wir immer
wieder über dieselben Themen gesprochen,
wo es sozusagen immer wieder knirscht, was
gar nicht so sehr mit der IT und Coding
zu tun hat, sondern mit Menschen.
Und deswegen bist du heute auch dabei,
weil es wiederum sehr interessant sein
kann, sich darüber auszutauschen, wenn
es denn um die wirklichen Hacks geht.
Wo man ansetzen kann.
Und aus deiner Sicht,
wenn es jetzt um HR, IT
und SAP-Projekte in dem Umfeld geht,
warum ist gerade dann das
Stakeholder-Management
so enorm entscheidend?
Und woran merkst du früh, dass ein
Projekt in die falsche Richtung läuft?
Ja, genau.
Ich glaube, man kann das gar
nicht so sehr pauschalisieren.
Jetzt auf das High-End-Umfeld bezogen oder
SAP-Projekte, dass die jetzt
besonders komplex sind.
Aber gerade wenn wir über größere
Unternehmen sprechen und SAP-Projekte dann
dort, dann muss ich doch festhalten, habe
ich beobachtet, sind Projekte
selten klein, einfach oder isoliert.
Also wir haben massiv integrierte Systeme,
also Systeme, die hochgradig vernetzt
sind, die am Ende irgendwie das
Nervensystem des Unternehmens darstellen.
Das heißt, wir haben eine hohe
Komplexität, die sich dadurch zeigt, dass
wir unzählige Prozessteilnehmer haben.
Wir haben vielfältige System Owner,
wir haben unterschiedliche Fachbereiche,
die natürlich bei so einem Projekt
mitreden wollen, aber
sie müssen auch mitreden.
Und meine Beobachtung aus dem Großkonzern,
ich habe eine der größten
Systemlandschaften Deutschlands
mitbetreuen dürfen, ist eben, dass die
Projekte fast nie an einer schlechten
fachlichen Idee oder eben der technischen
Umsetzung scheitern, sondern sie scheitern
daran, dass die wichtigsten Personenrollen
zu spät mit am Tisch sitzen.
Stakeholder Management steht ja
meistens mit auf diesen Folien drauf.
Das müssen wir machen.
Genauso wie Change Management
muss irgendjemand dann mal tun.
Wie kriegst du es hin, dass du so— Oftmals
wird das ja so als lästige
Checkliste abgetan.
Ja, ja, das machen wir dann schon noch.
Da muss sich jemand im Team drum kümmern.
Aber Aber wie bekommst du es hin, dass
diese Alibi-Planung, die ja eigentlich
auch ganz schön gefährlich ist für so
einen Projekterfolg,
dann mit einfachen und vielleicht auch
sofort umsetzbaren Praxis-Hacks
optimiert werden kann?
Also ich aus meiner eigenen Erfahrung
Stakeholder-Management, das hat immer
nicht so viele Leute interessiert und
manche haben sich auch gar nicht
herangetraut, weil sie dachten, ja, da
muss ich ja dann immer mit den Menschen
kommunizieren, mit denen ich
mich eh schon schwer tue.
Und denen jetzt vielleicht auch Wahrheiten
mitzuteilen oder einfach
nur einen Status zu geben.
Ja, ist immer schwierig
gewesen für manche Personen.
Ja, also du sagst das und ich glaube,
wir kennen das beide nur zu gut.
Wir haben beide einen Großkonzern
mittlerweile unterstützen dürfen.
Ich kenne das oder habe es gehört
aus dem medizinischen Bereich.
Das heißt, alle Produkte, die irgendwie in
der Medizin am Ende eingesetzt werden, die
müssen extrem dokumentiert,
protokolliert werden.
Oder auch aus dem Automobilbereich
ist er oft vorzufinden.
Das heißt, wir haben in Unternehmen und
dort geführten Projekten ganz oft riesige
Projektframeworks mit Hunderten von To-dos
und da ist die Stakeholderanalyse dann
eine von unzähligen lästigen
Pflichtdokumenten, muss man sagen.
Aber ich würde immer auch klar machen,
dass wir aufpassen müssen,
so was wie Stakeholdermanagement nicht
im Pareto-Prinzip zu machen.
Also Pareto-Prinzip ist ja 80% der
Leistung und 20% der Zeit zu machen.
Das kann absolut sinnvoll sein in ganz
vielen Bereichen, das ist super effizient.
Aber ich glaube, du würdest mir auch
zustimmen, dass ein Chirurg, wenn wir
gerade operiert wären, dass der vielleicht
nicht nach Pareto-Prinzip arbeiten sollte.
Und das sehe ich beim
Stakeholder-Management genauso, weil am
Ende diese fehlenden 20% der Leistung, das
können dann eben genau diese
U-Boot-Stakeholder sein, die am Ende die
anfänglich unsichtbar sind, aber am Ende
eben eine ganz große
Herausforderung darstellen können.
Also wir müssen wirklich aufpassen.
Die einen Stein in den Weg legen können,
ohne dass du es jetzt schon so
richtig auf dem Schirm hast.
Genau, genau.
Also am Ende eiskalt
das Projekt sabotieren.
Also wir müssen da wirklich aufpassen,
nicht in so eine Alibi-Planung
reinzugehen, weil einfach nur abhaken
dieses Stakeholder-Management
und nie wieder anzufassen.
Das sorgt eben dafür, dass wenn wir in
Herausfordernde Projektumfelder laufen,
dass das dann eben genau
zum großen Problem wird.
Ja, und wie machst du das dann konkret?
Also was ist so dein Go-to-Move?
Ja, genau.
Also ich glaube, wir kennen alle
so die klassischen Werkzeuge.
Ich hatte die im Studium, in der kleinen
SAP-Beratung damals habe ich
die dann nie wieder gehört.
Dann kam ich in einen Großkonzern und dann
hieß es wieder ja RACI-Matrix,
Mennelow-Matrix.
Das ist so die Basis.
Aber ganz wichtig,
ab in irgendeinem Projekt-Folder, wird er
dann abgelegt und dann
haben wir doch alles.
Genau, einmal gemacht, dann abgelegt.
Aber wir müssen da wirklich aufpassen,
weil Stakeholder sind dynamisch.
Sie sind nicht statisch.
Das heißt, so ein Stakeholder-Management,
das muss atmen, das muss
regelmäßig geupdatet werden.
Und jetzt ein harmloser Keep-informed
Stakeholder, ein Stakeholder, den wir
anfänglich am Anfang des Projekts als
Keep-informed einfach nur klassifiziert
haben, dem wir also vielleicht nur alle
paar Wochen mal so ein kleines Update
schicken, der kann über Nacht auch
ganz schnell mal zum mächtigen Keyplayer
werden und dann eben auch aktiv das
Projekt in Anführungsstrichen sabotieren.
Also da wirklich Obacht!
Stakeholder sind dynamisch, aber
vielleicht jetzt mal kurz zu den
Quick Wins hier an der Stelle.
Weil das eine ist natürlich, wie wir
Stakeholder überhaupt auf dem Radar haben,
wie wir sie klassifizieren,
wie wir sie auch in welchem
Abstand irgendwie abholen wollen.
Aber das andere ist ja dann wirklich auch,
wie wir sie ganz tatsächlich abholen.
Holen.
Und im Großkonzern ganz klassischerweise
haben wir ja diese ganz großen
Lenkungskreise,
also große formelle Statustermine.
Und ganz ehrlich, ich habe noch nie
jemanden gehört, der gesagt hat, er hat
so richtig Bock auf so einen Statustermin.
Die waren immer alle tiefenentspannt,
von denen ich gehört habe.
Ja, genau so sieht es aus in der Praxis.
Hast du vollkommen recht.
Eben leider nicht.
Und deswegen würde ich hier wirklich
sagen, vielleicht auch ein bisschen weg
von diesem formellen Status-Termin
und mehr hin zu informellen Terminen.
Dass man versucht, informell einen
Kaffeetermin, einen bilateralen
Pull-It-Checks oder ein gemeinsames
Mittagessen versucht, seine
Stakeholder abzuholen.
Also wirklich getreu nach dem Motto, dass
Vertrauen vor allem informell entsteht.
Ja, ich denke auch dann da an dem Punkt
immer eine Regelmäßigkeit zu haben.
Und vielleicht auch
diesen Termin durchzuziehen, auch wenn es
im Moment vielleicht gar nicht brennt und
man denkt so, ich habe
echt andere Sachen zu tun.
Aber ich habe mitbekommen, dass die
Gegenseite das sehr wertschätzt, wenn man
nicht nur kommt, wenn
sozusagen jetzt was gebraucht wird von der
Gegenseite, sondern auch sozusagen
rein informativ immer wieder begleiten.
Wo stehen wir im Projekt?
Die können ja immer noch ihren Termin
absagen, dann hast du die Zeit gespart.
Aber dieses Mitnehmen, auch wenn man kein
wichtiges To-do an der Stelle mit dieser
Person hat, das war immer dann 2, 3
Meetings später, wurde das dann formuliert
und wurde gesagt: Übrigens, ich fand das
echt gut, dass wir uns trotzdem getroffen
haben und dass du nicht bloß zu mir
kommst, wenn du ein Problem hast und mich
und dann ein halbes Jahr
dich gar nicht meldest.
Also so Wahrnehmung schaffen.
Ja, also vollkommen richtig, weil das eine
ist ja, dass du, also wir ein Thema haben,
was wir berichten oder eben kein Thema
vielleicht, was wir berichten können.
Das andere ist ja, dass die Gegenseite
vielleicht Sorgen und Ängste hat, die sie
dann genau in so einem Termin eben
dir auch kommunizieren können.
Und deswegen sollte man wirklich
versuchen, sei es jetzt auch so ein
Status-Termin oder eben auch diese
informellen Termine, dass man die wirklich
regelmäßig auch beibehält, eben auch genau
um der anderen Seite die Möglichkeit zu
bieten, Fragen zu stellen,
Sorgen und Ängste zu teilen.
Da bin ich voll bei dir.
Ja, und ich glaube auch, dass solche
Infos, wenn du das nicht regelmäßig
machst, auch selten dir
proaktiv kommuniziert werden.
Also da wird niemand kommen und sagen:
Hey, übrigens, wäre schön, wenn du
dich mal wieder bei mir meldest.
Ich fühle mich überhaupt
nicht wahrgenommen von dir.
Und das passiert immer 2, 3 Jahre später
oder 2, 3 Monate später,
wenn es dann mal kracht.
Dann wird das auf den Tisch gebracht.
Na, du hast dich ja auch
nie um uns gekümmert.
Ja, oftmals auch bei Kiosken der Fall.
Genau.
Und zum Thema Melden auch: Wir kennen es
ja auch, dass
dann Projekte halt regelmäßig E-Mails
rausschicken an große Verteiler.
Also riesige
E-Mails mit ganz viel Text, wo dann
eben über das Projekt berichtet wird.
Und ich habe das auch in einem Projekt mal
gesehen und das fand ich super charmant,
dass man eben versucht hat, aus dieser
regelmäßigen E-Mail, die man an einen
großen Verteilerkreis teilt,
weg eben von einer Wall of Text und hin zu
so einer Art regelmäßigen Newsletter, der
bewusst persönlich, informell,
lustig gestaltet wird.
Vielleicht kann man das Ganze auch so als
eine Zeitungspapierseite eben gestalten
mit Fotos des Projektteams, Erfolge werden
gefeiert, dass man da an der Stelle
wirklich versucht,
die Leute so abzuholen, dass sie sich eben
auch über so eine in Anführungsstrichen
regelmäßige Newsletter-E-Mail freuen, ja,
statt sie dann eben ungelesen
einfach wegzuschmeißen.
Also auch
Das ist eine Möglichkeit meiner Meinung
nach, um sicherzustellen, dass wenn man
halt die Stakeholder erst mal alle so
erfasst hat, auf dem Radar
hat, er regelmäßig zu updaten.
Ja, und da würde ich vielleicht noch einen
Punkt reinbringen wollen, den ich jetzt
mal erlebt habe in einem
Projekt: Unterschiedliche Medien nutzen.
Also was ist in dem Projekt, wo du drin
bist, gewesen, oder in Projekten, die du—
bist den ganzen Tag in
irgendwelchen Teams Calls.
Du bist eigentlich— hast keine
Lust, jetzt noch in einen zu gehen.
Ja, auf den Kaffeetermin, da gehe ich mal,
da habe ich einen Grund,
das Büro zu verlassen.
Aber was heute ganz oft gemacht werden
könnte, ist eben auch ein
kleines Video aufnehmen.
Die Technik gibt es ja.
Und sagen: Hey Johannes,
kurzes Update von mir.
Ich finde es cool, dass wir da
gemeinsam im Projekt rocken.
Muss ja nur eine Minute sein.
Aber so was Persönliches,
Personalisiertes.
Und wenn man im PMO vielleicht noch hat,
was auch die Skills und die Nerven dafür
hat, eine kleine Handschrift,
handschriftliche Notiz.
Also das muss keine A4-Seite
sein, das können 3 Sätze sein.
Wir sehen das auch bei unseren Kunden,
wenn wir was Handschriftliches
rausschicken und die wissen, das ist nicht
AI und das ist nicht irgendwie
massenproduziert, da
steht mein Name drauf.
Ja, das bewirkt manchmal 1000-mal
mehr als die normalen Wege.
Ja, genau.
Also das, was wir vorhin gesagt haben,
also Vertrauen entsteht informell.
Also wirklich nicht jetzt diese große
E-Mail, diese PowerPoint-Folie,,
sondern so eine handschriftliche Notiz.
Also du sagst, das ist super wichtig.
Und zu den Videos, das ist mir auch einmal
über den Weg gelaufen,
ja, da wurden quasi Onboarding-Videos, und
das wurde damals als Snackable Video
Content formuliert, also Videos und
Snackable Content, also die man halt
schnell mal einfach so snacken kann.
Du hast es gesagt, eine Minute, 2 Minuten,
3 Minuten kurze Videos, wo dann halt eben
wichtige Inhalte rübergebracht werden.
Das ist wirklich mal was anderes.
Es ist ein anderes Medium,
hast du vollkommen recht.
Und auch hier muss man sagen,
Mittlerweile gibt es
Unternehmens-KI-Tools, die halt eben
auch solche Videos generieren können.
Also auch da muss man jetzt nicht
unbedingt mega die Production,
Video-Production hochziehen, sondern
auch da kann die KI wieder unterstützen.
Ich glaube, da geht es gar nicht um
Qualität des Videos, sondern dass
man es einfach personalisiert.
Okay, und wenn du jetzt aus deiner
Erfahrung rausschaust, weil die ganzen
Praxis-Hacks, die du da mitgenommen hast,
wie kannst du denn jetzt
unterscheiden, wenn du verschiedene
Stakeholder hast und die haben alle
Bedürfnisse und alle wollen noch
den goldenen Wasserhahn mit eingebaut
haben zwischen diesen wichtig und laut,
vielleicht auch einfach nur laut
und wirklich go-live-kritisch.
Da muss ich ran, das kann mir alles
zerschießen, wenn ich das nicht mache.
Und wie belastet oder wie kommunizierst
du dann so ein belastbares auch so?
Nein.
Ja.
Ja, ich glaube, das große Problem, was ich
auch oft in Großkonzernen jetzt gesehen
habe, ist, dass so eine
Pseudo-Agilität geliefert wird.
Also im Grunde,
wir haben diese großen SAP-Projekte und da
wird Agilität oft so verstanden: Wir
müssen jetzt irgendwie jeden
Wunsch der Stakeholder erfüllen.
Also wir haben diese lauten
Einzelinteressen und wir laufen dann aber
in ein sogenanntes Scope Creep rein,
also in eine Dauer-Change-Situation.
Wir kriegen andauernd neue Anforderungen.
Das Team arbeitet und arbeitet, liefert
aber keinen echten strategischen Wert.
Und wie unterscheidet man jetzt zwischen
Go-Live-kritisch und
vielleicht nice to have?
Einfach mit der einfachen Frage, die man
ruhig bei jeder Anforderung hochwerfen
kann: Was würde denn an Tag 1 passieren
nach dem Go-Live, wenn diese
Funktion jetzt fehlen würde?
Und da kann die Antwort dann sein: Ja,
dann ist der Button halt rosa statt
grün, oder die Antwort ist: Das System
steht still, wir können keine Gehälter
zahlen, die verstoßen gegen
Compliance oder Gesetze.
Und ich glaube, da kommt man dann sehr
schnell zum Ergebnis: Das ist ein Thema,
welches Must-have ist oder
eben nur nice to have.
Das sorgt ja auch dafür, dass dein
Gegenüber gerade seine Anfrage auch
innerlich zumindest besser einordnet.
Oh ja, ob ich damit durchkomme.
Genau, genau.
Also wir müssen da wirklich weg wegkommen
von der Psychologie, eine emotionale
Diskussion hin zu einer logischen,
vielleicht sogar
mathematischen Diskussion.
Ich sage jetzt mathematisch, weil ich habe
auch eine Zeit lang in einem
SAFe-Konstrukt gearbeitet.
SAFe ist ja ein agiles Framework, um ganze
Organisationen agil
zusammenarbeiten zu lassen.
Also Beispiel: Wir haben nicht nur ein,
zwei agile Teams, die an einem Produkt
arbeiten, sondern wir haben 20 agile
Teams, die an Produkt arbeiten.
Ich habe eine Zeit lang,
war ich Produktmanager bei einem
Fahrzeug-Frontend, da braucht es halt mehr
als 10 Leute, da braucht es dann
vielleicht 100, 200 Leute, die
an so einem Frontend arbeiten.
Und um sicherzustellen, dass die alle
synchron zusammenarbeiten, gibt
es dann halt eben so was wie SAFe.
So, und SAFe hat
das sogenannte WSJF-Prinzip, Weighted
Shortest Job First, was einfach nur
besagt, wir klassifizieren, wir bewerten
unsere Anforderungen mit einem Business
Value und eben auch mit einer Zeiteinheit,
also mit einer Aufwandseinheit.
Und wenn man diese beiden Punkte dann ins
Verhältnis setzt, also es ist noch mal
eigentlich ein bisschen komplizierter,
aber um es jetzt einfach mal zu erklären,
wenn man diese beiden Einheiten dann ins
Verhältnis setzt, dann kommt man eben zu
einem Ergebnis und kann damit
seinen Backlog priorisieren.
Das heißt, wir haben dann auch wirklich so
ein mathematisches und noch mehr
logische Priorisierung an der Stelle.
Und damit ersetzen wir halt wirklich diese
Politik, das Emotionale in der Diskussion.
Und wenn wir das dann eben umgesetzt haben
und wir haben damit unser Backlog
priorisiert,
dann sollte idealerweise auch jeder
Stakeholder
nachvollziehen können, warum jetzt seine
Anforderung, sein lautes Einzelinteresse,
was er geäußert hat, vielleicht eher ein
Thema ist für ganz hinten im Backlog.
Ja, und dann kombinierst du das noch mit
den Themen, die wir vorher gemacht haben,
und dann ist das
hoffentlich gut managebar.
Ja, wir haben ja auch, oder du hast ja
auch oftmals im Vorgespräch gesprochen von
dem Thema Clean Core, also so möglichst an
der Basis dranzubleiben ohne
viele individuelle Modifikationen.
Was hat das aus deiner Sicht, dieses Thema
Clean Core, dann auch mit
Stakeholder Management zu tun?
Und warum ist die Standardisierung vor
allen Dingen so eher ein Organisations-
und Change-Thema als alles andere?
Ja, genau.
Also ich komme ja zuletzt aus einem
Großkonzern und wenn wir da über unsere
Kernsysteme reden, dann reden wir über
Systeme, die über
Jahrzehnte angepasst wurden.
Also wir haben ein Standardsystem der SAP
eingeführt und die SAP hat ja früher ihre
Systeme auch damit beworben: Klar, wir
verkaufen euch ein Standardsystem, aber
ihr könnt da so viel
verbauen, wie ihr wollt.
Wir helfen euch sogar dabei,
Anpassungen im System vorzunehmen.
So, und früher hat man auch gesagt, eine
Anpassung, die wir vornehmen im System,
ist auch ein Wettbewerbsvorteil.
Weil klar, also wir sagen, der Standard
würde für uns funktionieren, aber wenn wir
den Standard verändern, dann können
wir noch mehr Zeit einsparen.
Ja, dann können wir da wirklich Geld
draus machen mit so einer Anpassung.
Mittlerweile sagt man aber, und da kommt
jetzt Clean Core ins Spiel, dass es doch
ganz sinnvoll sein kann, den Kern des
Systems sauber zu halten, also frei
von kundenspezifischen Erweiterungen.
Warum sagt man das?
Warum sagt die SAP das?
Also Clean Core ist ein Begriff, der von
der SAP geprägt ist, weil jede Anpassung,
die wir machen im System, die
muss ja auch gewartet werden.
Also jede Zeile an Custom Coding, die wir
im System haben, die muss früher
oder später wieder angefasst werden.
Also jetzt beispielsweise
bei der S/4HANA-Migration.
Ja, alle SAP-Systeme müssen von einer
alten Systemversion auf
eine neue gehoben werden.
Und da gibt es jetzt auch eine
neue Datenbanktechnologie.
Und wenn wir über eine neue
Datenbanktechnologie reden, dann müssen
wir auch unsere
Datenbankzugriffe anpassen.
Das heißt, diese ganzen Custom Code Lines,
die wir im System über die Jahre erzeugt
haben mit unzähligen Datenbankzugriffen,
die müssen jetzt tatsächlich bei
diesem Upgrade alle angefasst werden.
Und das ist natürlich ein Thema, das
erzeugt Aufwand, den man früher vielleicht
gar nicht so auf dem Schirm hatte.
Das heißt, die SAP sagt hier wirklich:
Liebe Kunden, wir müssen
das jetzt anders machen.
Wir müssen weg von diesen
extrem verbauten Systemen.
Wir müssen hin zu den Systemen,
die nah am Standard sind.
Denn die SAP will natürlich auch, dass die
Kunden perspektivisch
in die Cloud wandern.
Und wann können die Kunden
in die Cloud wandern?
Wenn die Kunden flexibel sind, wenn die
Systeme flexibel sind, wenn die
Systeme nah am Standard sind.
Ja, dann ist ja auch der Punkt, dass
sich das Ganze entwickeln
hat sich ja auch verändert.
Es ist ja alles viel, viel dynamischer.
Also früher hast du was installiert,
dann war das erst mal ein paar Jahre so.
Jetzt ist das ja im Viertel-,
Halbjahresmodus, gibt es da Veränderungen.
Das hat ja, sage ich mal, dieser ganze
Aufwand, den Projektleiter reinstecken
mussten, um Veränderungen im System zu
moderieren, der ist ja auch enorm und hat
man über die Jahre, Jahrzehnte
akzeptiert, dass das immer so ist.
Jetzt geht man Wenn man nah am Standard
ist und Scope Creep war auch ein Thema mit
Frank in einer vorhergehenden Folge,
wirklich ein Riesenthema,
was dir Budget kostet.
Ja, genau.
Aber auf der anderen Seite jetzt auch,
jetzt betrachten wir die Ist-Situation.
Die Systeme sind schon alle verbaut.
Also wir reden teilweise über
Millionen Lines of Custom Coding.
Das sind alles Zeilen, die, wenn wir jetzt
sagen, wir wollen In einem Jahr wollen wir
jetzt sauber sein,
also das System soll sauber sein.
Dann müssten ja diese Lines of Custom
Code irgendwie raus aus dem System.
Das ist natürlich auch ein
Rieseninvest, was vorgenommen wird.
Und deswegen ist Clean Core
eben auch kein Projekt.
Das ist ein fortlaufender
Prozess, der niemals endet.
Das ist eine Governance, die
eigentlich passieren muss.
Denn bei jeder Anforderung, die reinkommt,
muss man sich jetzt eigentlich die Frage
stellen: Brauchen wir die
Anforderung überhaupt?
Also warum müssen wir, sollen wir
diese Goldrandlösung umsetzen?
Die nächste Frage, die wir uns stellen
würden, ist: Kann man das nicht
auch im Standard umsetzen?
Also warum sollen wir denn jetzt unser
System verbauen, wenn wir vielleicht über
Umwege vielleicht das Ganze auch
im Standard umsetzen könnten?
Und erst später würden wir uns die Frage
stellen: Ja Mist, wir brauchen die
Anforderung, wir können sie nicht im
Standard umsetzen und wie können wir sie
dann hochziehen, dass der Kern
des Systems sauber bleibt?
Da reden wir dann über
Side-by-Side Extensions.
Also du verbaust dir nicht dein
Hauptsystem, sondern du
verbaust die dann, oder du baust das Ganze
auf einem anderen System und stellst
die Funktionen über APIs bereit.
Und der Projektleiter, die Rolle des
Projektleiters dann in Zukunft, ist dann
halt eben wirklich zu versuchen, die Menge
an Custom-Erweiterungen— ja, ich
beschreibe das auch oft als technischer
Kredit, der eigentlich erzeugt wird.
Also jede Individualanpassung,
die vorgenommen wird im System, ist
eigentlich ein technischer Kredit, der ja
perspektivisch, wie gesagt, wegen
Wartungsaufwänden und so
weiter Kosten verursacht.
Der Projektleiter hier an der Stelle jetzt
eigentlich die Rolle hat, zu versuchen,
diese Kreditlast klein zu halten und
Goldrandlösungen bestmöglich
natürlich wegzudiskutieren.
Das ist auch, ich denke, das ist ein guter
Abschluss, eine gute Zusammenfassung auch
von deiner Seite aus, wie die
Rolle sich entwickeln wird.
Damit kommen wir auch
zum Ende unserer Podcast.
Wir haben heute viel besprochen in der
kurzen Zeit, also weg von Alibi-Planung
wie man das Backlog priorisieren kann.
Clean Core eben auch als Chance, wie du es
gerade beschrieben hast,
diese technischen Kredite zu reduzieren.
Und ich fand auch die eine Frage, manchmal
ist es nur eine Frage, die man mitnimmt:
Was passiert denn am Tag 1,
wenn wir das jetzt nicht haben?
Das ist vielleicht am einfachsten
umsetzbar und direkt machbar.
Deshalb vielen Dank, Johannes,
dass du heute unser Gast warst.
Und Für alle, die dir folgen wollen, die
mit dir in Kontakt treten wollen, die
Kontaktdaten sind in den Shownotes drin.
Gerne auf Johannes auch zugehen.
Ansonsten vielen Dank, dass du da warst.
Danke dir, Andreas, und gerne wieder.
Ja, mach's gut.
Tschüss.
Ciao.